/ Von Eckhard Jesse

Was ist mehr zu schelten – die Unwilligkeit von Liberal-Konservativen, sich mit dem Rechtsextremismus intensiv auseinanderzusetzen oder das offenkundige Bestreben vieler Antifaschisten, die Gefahr von rechts zu dämonisieren? Jüngst erschienen zwei Gesamtdarstellungen zum Rechtsextremismus und zwei andere Bücher, in denen Rechtsextremisten eingehend zu Worte kommen. Rechtsextremismus ist nicht erst heute ein Thema. Die Frage ist, ob er über- oder unterschätzt wird.

Schon 1980 hat Wolfgang Benz, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, einen Sammelband zur rechten Variante des politischen Extremismus herausgegeben („Rechtsradikalismus: Randerscheinung oder Renaissance?“). Angesichts der jüngeren Entwicklung hielt er inzwischen eine völlige Neufassung für angezeigt: Manche Beiträge sind entfallen, manche neu aufgenommen, andere zumindest fortgeschrieben:

Wolfgang Benz: „Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen“; Fischer Taschenbuch Verlag (Informationen zur Zeit, Nr. 4259), Frankfurt 1984; 319 S., 12,80 DM.

Herausgeber und Autoren wollten offenkundig den Sinn für historische Zusammenhänge schärfen. Insgesamt bietet ihr Band zuverlässige Informationen: Geschichtsapologien werden entlarvt von Hermann Graml (über Hitler) und Wolfgang Benz (über die Judenvernichtung); die Entwicklung zum Rechtsterrorismus illustriert Ulrich Chaussy; die Frage, ob es sich beim Zusammenschluß von ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS zur „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) um eine verfassungsfeindlicne Organisation handelt, bejaht Hermann Weiss – im Gegensatz zum Bundesinnenministerium, das im Sommer 1983 entschieden hat, die HIAG wegen des Fehlens gerichtsverwertbarer Beweise vorerst nicht mehr im jährlichen Verfassungsschutzbericht des Bundes aufzunehmen; Gert Heidenreich ist internationalen Verbindungen im rechtsextremen Spektrum auf der Spur; Aktivitäten der 1980 aufgelösten „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und der 1983 verbotenen Kühnen-Bewegung „Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten“ werden von Rudolf Müller aufgezeigt. – Tenor der meisten Beiträge: Der Staat unterschätzt die Variante des Extremismus von rechts.

Wer zum Thema mehr wissen will als die hier vermittelten Grundinformationen, greife zu einem fünfhundertseitigen Band, der noch durch einen Dokumentenband ergänzt wird: