Die Erwartung, daß nach dem halbherzigen Katalysator-Beschluß des Bonner Kabinetts die Diskussion um den drohenden Tod des deutschen Waldes zu Ende gehen würde, war, wie man weiß, verfrüht. Doch Abgas-Entgiftung hin, Tempo-Limit her – ein Nutznießer der Affäre steht schon fest, und zwar ein ganz unerwarteter. Profiteur der Waldschaden-Debatte ist die chemische Industrie der Republik. Sie nämlich liefert nicht nur die Katalysatoren, mit denen von 1986 an die ersten deutschen Autos ausgerüstet werden müssen. Die Branche darf sich auch freuen, daß mit der Autoindustrie endlich einmal ein anderer Industriezweig als sie selbst zum Angriffsziel der Umweltschützer wird.

So genoß es Wolfgang Munde, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der chemischen Industrie, sichtlich, daß er diese Woche in Bonn eine Untersuchung seines Verbandes über die Waldschäden vorstellen konnte. Die ungewohnte Rolle brachte es mit sich, daß die Chemie-Interessenvertreter – was für eine Premiere – von Bonn das Eintreten für mehr Umweltschutz forderten. Die in der Europäischen Gemeinschaft geplante Senkung der Schwefeldioxid-Emissionen um dreißig Prozent bis 1993 reiche nicht aus, sie sei allenfalls ein erster Schritt.

Die Chemiker haben gut fordern. Sie selbst nämlich müssen nur 4,3 Prozent des Schwefeldioxidausstoßes in der Bundesrepublik verantworten, nur 2,6 Prozent der Stickoxide kommen aus Quellen in der chemischen Industrie.

An kurzfristiger Hilfe für den Wald hatte Munde indes nur alte Rezepte zu bieten: Versauerung und Nährstoffmangel des Waldbodens sollen durch Kalkung und Düngung behoben werden. Den Verdacht, die Chemiker schlügen dies vor allem vor, weil sie daran verdienten, mochte der Funktionär nicht gelten lassen. Die Rettungsaktion bringe der Industrie allenfalls neunzig Millionen Mark in den Kassen – das sind 0,06 Prozent vom Branchenumsatz.

Bei wohlwollender Betrachtung wirkt die Art und Weise, in der Gesundheitsminister Heiner Geißler auf den gemeinsamen Formaldehyd-Bericht von Bundesgesundheitsamt, Umweltbundesamt und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz reagiert, so richtig schön tatkräftig und entschlossen. Kaum haben die Ämter nämlich ihr Gutachten veröffentlicht, schon kündigt Geißler an, das Bundeskabinett werde noch in diesem Jahr eine Gefahrstoffverordnung verabschieden, die die Verwendung des möglicherweise krebserzeugenden Formddehyds deutlich einschränkt.

Der Eindruck von Tatkraft ist freilich nur bedingt richtig. Nicht in Vergessenheit geraten darf nämlich, daß die Ansichten der Gutachter über die Krebsgefährlichkeit von Formaldehyd dem Minister schon seit Monaten bekannt waren. Das ließ nicht nur ausreichend Zeit, eine Gefahrenstoffverordnung zu konzipieren. Das eröffnete auch die Möglichkeit, einzelne der beteiligten Gutachter, die Formaldehyd für deutlich krebsgefährlicher hielten als das Gemeinschaftsgutachten nun sagt, auf Linie zu bringen. Den Verdacht jedenfalls, daß er erhebliche Tatkraft vor allem darauf gerichtet hat, die schwärzer sehenden Gutachter auf Linie zu bringen, kann Heiner Geißler nicht entkräften.

Das Problem ist schon ein Jahrzehnt alt. Doch den Haushaltsausschuß des Bundestages unter Vorsitz von Rudi Waltner (SPD) hat das nicht abhalten können, einen neuen Anlauf zu seiner. Lösung zu wagen. Einstimmig haben die „Erbsenzähler“ empfohlen, daß das Kindergeld künftig nicht mehr von den Arbeitsämtern, sondern von den Finanzämtern gezahlt werden soll.