,,Das wird ein schöner Montag" – Seite 1

Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im Oktober

Über die Stadt schien der Ausnahmezustand verhängt worden zu sein, und Berlin war ein Wochenende lang zum Jubeln verurteilt: Jubel zum 35. Geburtstag der DDR bei der Festveranstaltung im Palast der Republik, beim endlosen Fackelzug von massenhaft aus dem Land angekarrten Jugendlichen, bei der raketenstrotzenden Militärparade.

Ganz beschaulich war der staatlich verordnete Jubel dagegen beim Fahnenappell in der Schule, die ich von meiner Ostberliner Wohnung aus beobachten kann. "Unser Schmuck ist das Halstuch", tönte es aus dem Kassettenrecorder auf dem Tisch des Schulhofes. Daneben standen die beiden Fahnenträger. Namen wurden aufgerufen. Wer in diesem September in die erste Klasse gekommen war, bekam ein blaues Halstuch, wurde zu Ehren des 35. Geburtstages in die "Jungen Pioniere" aufgenommen – erste Stufe in der gesellschaftlichen Karriere eines DDR-Kindes.

Die Straßen zum Zentrum der Stadt waren von Polizisten und von den grauen Männern der Staatssicherheit gesäumt. Busse brachten FDJler aus Mecklenburg, Sachsen und Thüringen zum Fackelzug in die Stadt. Auch das Spalier bei der Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus Unter den Linden war organisiert. Neben mir stand eine Gruppe aus einem Betrieb. "Wer von uns ist denn da", fragte eine Frau. "Wolfgang und Evelyn und du und ich." – "Und Erwin?" – "Der traut sich was", flachste einer der Männer. "Bei uns ist zwar keener nachtragend, aber vergessen wird ooch nüscht." – "Ist denn das der richtige Platz?" sorgte sich eine Frau. "Wann geht’s denn los?" – "Na, wir sind doch wieder viel zu früh herbestellt, wie üblich", antwortete eine andere Frau. "Wer hat denn das Protokoll?" – "Ach Mensch", stöhnte ein Kollege, "der Alte hat mir so viele Einladungen auf den Tisch geknallt – fürs ganze Wochenende. Das wird ein schöner Montag ..."

Die Ehrenkompanie der Nationalen Volksarmee marschierte vor das Mahnmal, bot neuen Gesprächsstoff: "Guck mal, die sind alle ungefähr gleich groß", stellte eine Frau fest. "Die Langen, Kleinen und Dicken haben da gar keine Chance." – "Ganz schön zu tun haben die", meinte ein Mann. "Gestern waren sie schon beim Zapfenstreich, heute bei der Kranzniederlegung, morgen bei der Militärparade."

"Gewehr ab", wurde gebrüllt. Auf einen Schlag knallten die Gewehrkolben aufs Pflaster. "Das sinn ähm de Breußen", sächselte jemand hinter mir. "Dafier sinn se ja begannd, daß se uff Ordnung und Zagg halden." Ein Mann erzählte, daß es im Betrieb wieder mal Produktionsausfall gegeben hatte, ein anderer ereiferte sich über Dynamo Dresden beim Fußball-Europacup.

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Plötzlich stieß mich jemand in die Seite und wies nach vorn: "Honecker." Um mich herum wurde geklatscht. "Sieh mal Gromyko neben Erich", sagte eine Frau. "Die sind doch ganz freundlich miteinander..." Offenbar dachte sie an die Querelen zwischen Moskau und Ost-Berlin vom letzten Sommer. Beifall bekam auch Arafat. "Der bleibt uns treu", sagte ein Mann. "Ceausescu hätte ruhig auch kommen können. Wo Honecker ihn zu seinem Staatsgeburtstag neulich besucht hat. Bei uns ist diesmal von überall her nur zweite Garnitur." Am Ende der Veranstaltung löste sich die Runde hinter mir schnell auf: "Schönes Wochenende noch." – "Grüß Erna von mir." Und weg waren sie.

Unter den Linden wurde schon für abends geprobt, für den Fackelzug. Eine Blaskapelle spielte, es wurde gesungen. "Wenn wir zu früh fertig sind, dann fangen wir einfach wieder mit der ersten Strophe an", sagte der Kapellmeister. "Merkt sowieso keiner. Ich werde angestrahlt. Ihr könnt also genau sehen, was ich mache." Später beobachteten Schaulustige, darunter auch Touristen, die Vorfahrt der Ehrengäste vor den Palast der Republik. "Ist es nicht absurd, daß die Chefs von sozialistischen Ländern so große Luxusschlitten fahren?" fragte eine junge Frau in Schwyzerdütsch.

In der DDR-Bevölkerung wurde zufrieden registriert, daß die Rede Honeckers bei der Festveranstaltung – im Vergleich zu den scharfen antiwestlichen Angriffen Gromykos – eher sanft ausfiel. Zufrieden war man, daß der Vorsitzende an seinem Entspannungskurs festhielt, daß er sich nicht zum absoluten Gleichklang mit Moskau bereitgefunden hatte. Solche kleinen Unterschiede wurden dankbar vermerkt.

Nachmittags gegen fünf brach dann das große Verkehrschaos aus. Die Ostberliner Innenstadt war mit Bussen voller FDJler total verstopft. Nichts ging mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Bussen. Der Fahrer des Trabant vor mir war aus seinem Wagen ausgestiegen und schimpfte: "Det ihr hier steht, kann ik ja noch verstehn, ihr wollt zu dem blöden Fackelzug. Aber ik, ik will doch bloß nach Hause." Zu Fuß lief ich durch die Horden grölender Jugendlicher, die Limonade aus Plastikbechern tranken, Würstchen aßen, rauchten.

"Wir sind gestern nacht aus Thüringen losgefahren", erzählte mir ein junges Mädchen mit verwegener Punkfrisur über dem Blauhemd. "Und heute nacht fahren wir wieder zurück." An der Tankstelle hatte mir ein Mann erzählt, daß 650 Busse von außerhalb mit FDJlern in die Stadt gekommen wären, aus jedem Winkel der DDR: "Da wird uns immer eingehämmert, wir sollen Sprit sparen, und dann wird er hier sinnlos auf Deubel komm raus vergeudet."

Die Straße Unter den Linden sah am Abend aus wie eine Filmkulisse mit den Scheinwerfern, farbigen Fahnen und Tausenden von Statisten am Rand, die wieder einmal warten mußten – auf das große Spektakel, den Fackelzug. Jugendliche probten Sprechchöre: "SED – FDJ" oder: "Frieden, Freundschaft, Solidarität". Und dann stundenlang Menschen und Fackeln, Fackeln und Menschen. "Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie deutsche Jugend, bau auf, für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf", sangen sie, dann die Internationale und daß "die Partei immer recht" hat. Manche dieser Fackelträger sangen die Lieder nur mit, solange sie auf der Höhe der Ehrentribüne marschierten.

Es begann zu regnen. Erste Busse mit FDJlern verließen die Stadt, während andere noch immer an der Tribüne vorbeidefilierten und ihr "Hoch, hoch, hoch" schrien. Das Spalier wurde dünner. In den Nebenstraßen sammelten sich junge Musiker für den Schlußakkord. Einer spielte leise vor sich hin Oh, when the saints go marching in. Der Wind wehte die weißen, zertretenen Plastikbecher durch die Straßen. In den westlichen Nachrichten dieses Jubeltages war eine der ersten Meldungen die über jene große Gruppe von DDR-Bürgern, die sich in die westdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet hatte. Für Ost-Berlin war dies an diesem Wochenende kein Thema.

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Am Sonntag dann die Militärparade mit einer Menge freiwilliger Spaliersteher. Vor mir hatte sich eine junge Familie eingefunden, Vater und Mutter ebenso blond wie ihre beiden Söhne, acht und fünf Jahre alt. "Die sind Schau", freute sich der größere über die Panzer. "Warum haben sie so ein langes Rohr hinten dran?", fragte der jüngere bei einem anderen Fahrzeug. "Damit können sie schießen und besonders gut zielen", erklärte der Vater. "Guck’ mal, da sind Raketen", jubelte der größere Sohn. "Damit kann man feindliche Flugzeuge abschießen", belehrte ihn der Vater. "Aber heute kommen keine feindlichen Flugzeuge?" – "Nein, heute hoffentlich nicht. Sonst – brrrr – sind sie weg."

Der Einwand einer Frau, daß die Panzer die Straßen strapazieren, wurde von den jungen Männern und ihren Kindern ebenso ignoriert wie die Bemerkung eines jungen Mädchens, daß diese Fahrzeuge auch die Luft verpesten. Sie ließen sich in ihrer Begeisterung nicht beirren. "Sieh mal da oben – die Hubschrauber haben ja auch Raketen", freute sich ein kleiner Junge und schwenkte eine weiße Friedenstaube aus Pappe.

Gott sei Dank gibt es noch eine andere DDR. Sie feierte am Nachmittag Volksfeste. Sehr berlinisch ging es zum Beispiel auf dem Rekona-Platz zu. Da war eine Theatergruppe, die Breakdance auf der Bühne zeigte, es gab eine Tanzlehrerin mit großem schwarzen Hut zu Turnschuhen, die junge Leute zu Polka und Walzertanz anleitete, begleitet von Dudelsack, Gitarren und Akkordeon. Da waren Stände mit alten Büchern und alten Postkarten, mit selbstgenähten Taschen, mit Spardosen aus Ton, Handspielpuppen und Blumen. Dazu wurde Punsch getrunken und Currywurst gegessen. Ein junges Paar, er mit kurzem Haar, Nickelbrille und im Regenmantel vom Großvater, sie im buntgefärbten Spitzenunterrock mit besticktem Pullover und langen Locken, trug einen Eimer voller Pilze mit sich herum. Bei uns würden sie sicher zu denen gehören, die an einem solchen Tag gegen die Zurschaustellung von Waffen demonstriert hätten. In der DDR dürfen sie das nicht. Da ziehen sie sich zurück, fahren in den Wald und suchen Pilze.