Von Karl-Heinz Wocker

London, im Oktober

Alle drei Minuten fiel auf dem Labour-Parteitag in Blackpool der Name Thatcher. Die mit auf diese Frau ist das einigende Band um die britische Linke. Wäre sie nicht, man hätte glauben mögen, mindestens drei Labour-Parteitage simultan in der vergangenen Woche zu erleben. Der erste wurde veranstaltet von der neuen Führung unter Neil Kinnock. Das sind Leute mit einem gut entwickelten Macht-Instinkt. Die von den Imitatoren des Martin Luther King immer wieder benutzte Formel lautete in Kinnocks Ansprache nicht „I have a dream“, sondern: „We need power“. Das sollte besagen: Laßt alles bleiben, was uns nur Stimmen kostet.

Damit wäre es ihm unter normalen Gegebenheiten sicher gelungen, den Delegierten ein paar Ungereimtheiten auszureden. Aber in England ist derzeit nicht viel normal. Der Streik der Bergleute, sieben Monate alt, hat die Sitten verwildert. Kinnock suchte das Beste aus seiner Lage zu machen, indem er sich gegen jede Form von Gewalt erklärte, die der steinbrockenwerfenden Streikposten ebenso wie die der berittenen Hundertschaften der Polizei. Das unterscheide ihn von Frau Thatcher, die nur eine Seite der Front sehe.

Damit kam er durch, aber mit mehr auch nicht. Die Delegierten fühlten sich wohler auf dem „Zweiten Parteitag“, der parallel ablief. Ihn schien der Bergarbeiterführer Arthur Scargill einberufen zu haben. Er legte es darauf an, durch möglichst viel Beifall jene Legitimierung zu erhalten, die er durch die Urabstimmung der Gewerkschaftsmitglieder nicht einzuholen wagt. Das ist sein schwacher Punkt, und so muß er jetzt erleben, daß ihn sogar einzelne Mitglieder der eigenen Gewerkschaft vor Gericht auf Satzungsbruch verklagen.

Scargills Parteitag verlief überaus erfolgreich. Kaum hatte er die öffentliche Zusage auf weitestgehende Unterstützung seines Streiks erhalten – und es ist immer zu einem hohen Teil sein Streik gewesen –, da setzte er auch noch durch, daß die Polizei allein für die Gewalt vor den Zechentoren verurteilt wurde. Das hieß nun alle Vernunft in den Wind schlagen. Wie immer haßerfüllt die Torytreue Massenpresse über die Schlägereien vor den Zechentoren berichtet hat: Daß dort lauter Unschuldsengel von bewaffneten Teufeln geplagt worden seien, kann nur der völlig Verblendete glauben.

Es ist diese pauschale Verurteilung der Polizei, die der Labour-Partei am meisten geschadet hat. Zwar unterliegt es keinem Zweifel, daß die Regierung und einige regionale Polizeichefs auch ein politisches Spiel treiben, wenn sie ortsfremde Einheiten in die Bergbaugebiete schicken. Auch wird niemand der Polizei von 1984 nachsagen wollen, sie sei noch die alte gutmütige Ansammlung von Bobbies zu. Schutz und Schirm hilfloser Mütterchen im Großstadtverkehr. Korruption, Kompetenzüberschreitung, fahrlässiger Waffengebrauch, Vertuschung von Skandalen bis zum Meineid und Mafia-Allüren im Freimaurer-Gewand – all das steht auf der Sollseite der Ordnungshüter. Deren Verbandssprecher nahm den Mund etwas voll, wenn er die Zusammenarbeit der Polizei mit einer künftigen Labour-Regierung in Frage stellte. Aber hat nicht auch Scargill ortsfremde Streikposten in Lkws anfahren lassen? Sechs und nicht mehr sollen vor einem Betriebstor stehen, sagt das Gesetz. Wenn es sechshundert sind, kommen halt tausend „Bullen“. Wer da wen zuerst provoziert, das konnten selbst Dutzende von Kameras nie genau festhalten.