Wagners Tetralogie im Tunnelbunker – ein Spiel vom Ende der Zeiten

Von Heinz Josef Herbort

Wahrscheinlich war es nie so ganz ungefährlich, sich mit Richard Wagner, mit seinem Werk, mit seinem Musik-Theater einzulassen. Aber inzwischen hat es etwas von Tollkühnheit: das durchdenken zu wollen, was an Philosophie und Phantasie, an Vision und Illusion, an Mythos und Wirklichkeit aus den Buchstaben wie Noten herauszulesen ist – und es dann auch noch realisieren zu sollen. Da stellen sich der dramaturgischen Utopie die Realitäten des Theaters, der Zukunft die Vergangenheit entgegen. Die Gemeinde, die heute ins Theater geht, um Wagner zu sehen und zu hören, kennt nicht nur das Werk, sondern auch die Geschichte seiner Interpretation. Die Höhe-, nicht so sehr die Tiefpunkte blieben uns im Gedächtnis, seien sie auf die großen Innovatoren bezogen wie Wieland Wagner und Patrice Chéreau oder auf die großen Gestalten wie Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen – seien deren herausragende Gipfelleistungen auch noch so sehr künstlich gesteigert mit den Mitteln einer virtuos beherrschten Elektronik. Die Medien haben geholfen, die Legenden zu bilden und zu stärken.

Was also an Anspruch und höchsten Erwartungen denkbar ist, kennen wir – das Theatervolk auf der Bühne aber ist mit einer Wirklichkeit konfrontiert, deren Maxime heute immer stärker auf den Kernsatz konvergiert: Das ist nicht möglich.

Wie also werden wir heute noch Wagner spielen wollen? Die radikale Forderung „genial – oder überhaupt nicht“ könnte vom Musikdramatiker selber stammen, ist aber eben doch auch schon wieder dem Werk angemessen utopisch. Ein Staatstheater „braucht“ einen „Ring“.

Der Grundansatz des neuen „Ring“ an der Berliner Deutschen Oper, wie er von Götz Friedrich und seinem Bühnengestalter Peter Sykora ausgeklügelt wurde, ist genial: Der „Ring“ spielt im Ring, im Innern eines ringförmigen Tunnels, wie er für eine Untergrundbahn benutzt werden könnte. Wir schreiten von Station zu Station weiter und ahnen allmählich, daß wir am Ende wieder den Ausgangspunkt erreichen. Die Ahnung hat bereits etwas Erhellendes wie Frustrierendes: Der Kreislauf bedeutet letztlich die Vergeblichkeit aller Versuche und Bemühungen. Laokoon und Sisyphus sind überall.

Dieser „Ring“ im Ring kennt selber keine Zeit. Zu Beginn des „Rheingold“-Vorspiels sitzen die Götter wie Statuen unter weißen Laken auf der Bühne – wie wenn sie seit Ewigkeiten warteten. Während der Rhein akustisch zum Strom wird, erheben sie sich, streifen die Tücher ab, nach der Rheintöchter-Szene tragen sie noch die Masken eines aristokratischen Vergnügens – sie spielen ihre eigene Vergangenheit, genauer: Sie möchten sie gern spielen. Denn wenn die Katastrophe sich ankündigt in Gestalt der Riesen, die ihren Lohn verlangen, verlieren die Götter im doppelten Sinn ihre Masken – aus dem Spiel ist blutiger Ernst, aus der Erinnerung eine neue Wirklichkeit geworden – eine kaputte Wirklichkeit: das Spiel vom Ende.