Von Rolf Michaelis

Keine vierzehn Wochen nach Luc Bondys aufregend genauer, große Musik- und Menschen-Kenntnis verratender Inszenierung von Mozarts komischer Oper "Così fan tutte" {DIE ZEIT, 27/1984 vom 29. Juni) gibt es schon wieder Anlaß, eine Theater-Reise in die belgische Hauptstadt zu empfehlen: Am "Théâtre de la Monnaie" hat Karl-Ernst Herrmann Mozarts "Dramma giocoso" in zwei Akten, "Don Giovanni", herausgebracht. Die zweite Inszenierung (nach Mozarts "Clemenza di Tito", auch in Brüssel, ZEIT, 28/1982 vom 9. Juli) des vor allem durch seine Bauten und Bildentwürfe für die Berliner Schaubühne bekannt gewordenen Theatermanns erlaubt drei Bemerkungen:

  • Konnte man Herrmanns erste Regie-Arbeit für das (Musik-)Theater noch als gelungenen Ausflug eines berühmten Bühnenbildners betrachten, so hat er sich mit dieser Inszenierung des anderen schwierigen Musikdramas Mozarts als bedeutender Regisseur bewährt.
  • Mit den drei Opern, zu denen noch das von Patrice Chéreau inszenierte Jugendwerk "Lucio Silla" kommt (das im Sommer an der Mailänder Scala herauskam, am 30. Oktober in Chéreaus "Théâtre des Amandiers" in Nanterre bei Paris Premiere haben und als Gemeinschaftsarbeit aller drei Theater vom 22. Januar 1985 an in Brüssel zu sehen und zu hören sein wird), ist es dem jungen Direktor der belgischen Nationaloper, Gerard Mortier, schon im dritten Jahr seiner Amtszeit gelungen, Brüssel zu einem europäischen Zentrum für Mozarts Musikdramen zu machen. Auch wenn das – vergrößerte – Orchester noch hörbar Anstrengungen macht, unter seinen beiden Dirigenten, John Pritchard und Sylvain Cambreling, den Anschluß an länger bestehende Opernkapellen zu finden, gehen für die Bühnen-Praxis von Mozarts Musikdramen schon jetzt kräftigere Anregungen aus als von anderen großen Opernhäusern Europas, ganz zu schweigen von Salzburg.
  • Weil mit Bondy und Herrmann, der auch für "Così" das Bühnenbild entworfen hat, zwei der wichtigsten Theaterleute der Berliner Schaubühne in Brüssel arbeiten, kann das "Théâtre de la Monnaie" bereits "Schaubühne der Oper" genannt werden; so zu lesen im Doppelheft (August/September 1984) der Zeitschrift Opernwelt, das auf zwölf Seiten die Brüsseler Oper und deren Arbeit vorstellt.

Ist der Bühnenbauer Karl-Ernst Herrmann oft als Raum-Gestalter, ja zuletzt, für Tschechows "Drei Schwestern" in Peter Steins Regie, als Gartenarchitekt tätig, so lernen wir ihn jetzt als Maler kennen. Anders als für Bondys "Così" hat er nicht eine über hundert Meter lange Leinwand als über Rollen ablaufendes Panorama bemalt, sondern einen an die Shakespeare-Bühne erinnernden Einheits-Raum mit den Augen eines Malers entworfen.

Vom ersten bis zum letzten Bild meint der Zuschauer, auf Gemälde aus spätmanieristischer Zeit zu blicken. Die Einheits-Szene, fast ohne jedes Requisit, ist mit Tüchern verkleidet, die in wechselndem Licht mal grau, mal blau-grün, mal nachtviolett schimmern. Ein ausgetüfteltes System von Vorhangsschnüren erlaubt immer neue Öffnungen an allen drei Seiten. In schönem, stets anderem Faltenwurf ergeben sich Ausblicke aus diesem Kunst-Raum in die Welt draußen, in eine Landschaft mit Bäumen, in schmale Häusergassen, in kalt strahlendes Nachtblau über dem Friedhof – als sollte Leporellos Wort wahrgemacht werden: "Draußen hell .../ drinnen dunkel ..."

Lichtschneisen fallen aus den drapierten Öffnungen auf die Bühne, zerlegen die Gestalten in eine Licht-, eine Schatten-Hälfte. Daß "Don Giovanni", in mehrfachem Sinn, ein Nachtstück ist, läßt uns der Regisseur keinen Augenblick vergessen. Auf ganz einfache Art entsteht eine Mozarts Musik entsprechende Dramatik. Sie entspricht dem Menschenbild Mozarts und seines Librettisten da Ponte: Hier ist niemand nur schwarz oder weiß, bös oder gut, sondern jede Bühnen-Figur schillert in einem dem Leben in der Wirklichkeit entsprechenden Halblicht.

Die Raffung des Rundvorhangs, wechselnder Faltenwurf, die immer neuen Schattenrisse und Silhouetten, die dadurch entstehen, der die Gestalten charakterisierende Licht-Einfall und das selber wieder, in seiner Schönheit oder überraschenden Plötzlichkeit dramatische Fallen des Vorhangs erinnern an Herrmanns Bühne für Kleists "Prinzen von Homburg", wie Peter Stein ihn 1972 in der alten Schaubühne am Halleschen Ufer geträumt hat.