Nummer eins im Reich der Mitte: Wie Deng Xiaoping die Welt und Chinas Zukunft sieht

Von Theo Sommer

Peking, im Oktober

Der mächtigste Mann Chinas übt sich in Bescheidenheit. "Ich habe mich ganz von der Bildfläche zurückgezogen", sagt er dem Besucher aus Deutschland. Als der protestiert, räumt Deng Xiaoping freilich ein: "Na ja, ich mache mich noch ein bißchen nützlich für unser Land. Man braucht mich noch."

In der Tat: China braucht ihn noch. Der Achtzigjährige ist der Motor der Modernisierung, die Antriebskraft hinter dem ungeheuren Unterfangen, ein Volk von über einer Milliarde Menschen aus der Isolierung herauszuführen und ins Industriezeitalter hineinzustoßen, die Unruhe im rostigen Räderwerk der größten kommunistischen Partei der Erde. Er hat alle hohen Ämter abgegeben, das des Generalstabschefs wie jenes des Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten; nur den Vorsitz in den Militärkommissionen der Partei und der Regierung behielt er und will ihn auch noch zwei Jahre behalten. Er kann es sich leisten, dem Staatsbankett am Gründungstag der Volksrepublik China fernzubleiben. Er sucht sich die ausländischen Besucher sorgfältig aus, mit denen er sprechen will. Sein Porträt hängt an keiner Wand. Dennoch weiß jeder, daß er die Nummer eins im Reich der Mitte ist.

Bei dem Massenaufmarsch am Nationalfeiertag wurde es vorige Woche ganz deutlich. Die gesamte Führung hatte sich da auf der Balustrade am Tor des Himmlischen Friedens versammelt. Aber es war Deng, der im Mittelpunkt stand, zwischen Ministerpräsident Zhao Ziyang und Parteichef Hu Yaobang. Er nahm, in einer schwarzen Limousine stehend, die Meldung des Kommandierenden Generals im Militärbezirk Peking entgegen; danach fuhr er die Front der Parade-Einheiten ab. Und er hielt die einzige Rede zum 35. Jahrestag der Staatsgründung: knapp, selbstbewußt, entschieden.

"Volk voller Freude und Stolz"