Von Cordt Schnibben

Jedes große Rugby-Spiel in Wales beginnt Punkt elf Uhr, dann, wenn die Pubs öffnen. Schon kurz vorher finden sich die Fans ein, um den Anstoß nicht zu verpassen. Diszipliniert und schweigsam warten sie überall vor den Kneipentüren, um dann in die kalt-miefigen Räume zu ziehen, gemächlich, so, als ginge es darum, eine Pflicht zu erledigen. Zwölf wilde, spannende, anstrengende, traurige, fröhliche, verrückte Stunden liegen vor ihnen.

Und heute werden sie besonders wild und verrückt werden, denn das elf jährliche Cup-Final steigt an diesem Samstag im Cardiff-Arms-Park-Staaion, dem Heiligtum des Landes. Vierzig- bis fünfzigtausend Leute aus ganz Wales werden erwartet. Die Western Mail, die größte Tageszeitung, hat mit einer achtseitigen Sonderbeilage die Stimmung hochgeputscht und gleichzeitig im Leitartikel gefordert: „Control that fever!“ Unmittelbar darunter die riesige Anzeige einer Biermarke mit der doppeldeutigen Schlagzeile: „The final round today“.

Im „Borough Arms“, nur einen Ballwurf vom Stadion entfernt, geht die erste Runde über die Theke. Ein langer Zug, und dann setzt es ein, das Gebrabbel, das bis zum Spielbeginn um 15 Uhr nicht mehr verstummen, nur Phon für Phon stärker werden wird, gelegentlich unterbrochen von kräftigem Gesang, wohlgemerkt: Gesang, nicht Gegröle. Das Gebrabbel erweist sich bei genauem Hinhören als pfiffige Fachsimpelei. Hier werden die beiden Mannschaften aufgestellt, die Tagesform jedes Spielers analysiert, den (abwesenden) Kämpfern letzte Tips gegeben, Spielzüge geprobt, Gläser mit dunklem „Bitter“ gegen Gläser mit hellem „Lager“ gestellt.

An der Theke kämpfen keine Tribünentäter, da stehen Männer, die die Lederbirne selbst schon über den Platz getragen haben. Das sieht man. Ärsche wie Brauereipferde und Oberschenkel wie Kampfstiere. Und wenn die Ohren gekräuselt sind wie junger Blumenkohl, kann man sogar genau sagen, auf welchem Posten sie gespielt haben. Dazu später mehr.

Wer als Rugby-Laie zwischen diese Männer gerät, sollte zwei Fehler nicht begehen. Er sollte erstens nicht sagen, daß ihn Rugby an American Football erinnere. Er wird verachtende Blicke und Kommentare wie diese ernten: Was, dieses öde Spiel der gepolsterten Schwachköpfe? Kinderkram! Langweilig! Die stehen doch nur rum. Die laufen in einer Stunde höchstens ein paar Minuten, diese verdammten Schauspieler! Es macht die Waliser wahnsinnig, daß die halbe Welt Rugby für eine Abart des American Football hält. Für sie sind das zwei vollkommen unterschiedliche Spiele, die nur zufällig die Form des Balles und der Tore gemeinsam haben. Die historische Wahrheit ist, daß American Football eine Abart des Rugby ist, sagen wir eine Rückentwicklung.

Rugby wiederum ist eine Weiterentwicklung des Fußballs, erfunden, als in der englischen Stadt Rugby der Schüler William Webb Ellis eines Tages im Jahre 1823 erkannte, daß sein Talent nie reichen würde, ein guter Fußballer zu werden, und er deshalb während eines Spiels den Ball in die Hand nahm und auf das gegnerische Tor losstürmte. Verbreitet hat sich Rugby dann aus denselben Gründen wie heutzutage Breakdance: Der Straßentanz wurde beliebt, weil die Straßengangs sich lieber die Knochen verrenken als brechen wollten; Rugby gab den Jungs damals die Chance, sich einigermaßen gesittet und regelgerecht zu prügeln, statt blindlings aufeinander einzudreschen. In den ersten Rugby-Spielen, Schule gegen Schule und Dorf gegen Dorf, waren das Schienbeintreten und der Würgegriff die beliebtesten Taktiken; erst Zug um Zug entwickelte sich daraus ein Spiel.