Vladimir Nabokovs Autobiographie „Sprich, Erinnerung, sprich“ / Von W. Martin Lüdke

Ich gestehe, daß ich nicht an die Zeit glaube. Es macht mir Vergnügen, meinen Zauberteppich nach dem Gebrauch so zusammenzulegen, daß ein Teil des Musters über den anderen zu liegen kommt. Mögen Besucher ruhig stolpern. Und am meisten genieße ich die Zeitlosigkeit, wenn ich – in einer aufs Geratewohl herausgegriffenen Landschaft – unter seltenen Schmetterlingen und ihren Futterpflanzen stehe. Das ist Ekstase, und hinter der Ekstase ist etwas anderes, schwer Erklärbares. Es ist wie ein kurzes Vakuum, in dem alles strömt, was ich liebe.“

Bilder. Gestochen scharfe Bilder der Erinnerung. Konfigurationen.

Winter 1903. Nizza. Der Autor, ein Kind von vier Jahren, die Mutter, der Bruder, und – natürlich – das nötige Personal, waren an der französischen Riviera geblieben, um dort den Großvater zu pflegen, Dmitrij Nabokoff (1827 bis 1904), der einst Justizminister des russischen Zaren gewesen war, jetzt aber, alt geworden und zuweilen geistig „umwölkt“, in dem Glauben lebte, „alles wäre in Ordnung, so lange er nur am Mittelmeer bliebe“. „Dunkel“, schreibt der Autor, „erinnere ich mich, wie ich zu seinem Stuhl gelaufen komme, um ihm einen hübschen Kieselstein zu zeigen, den er gemächlich betrachtet und ebenso gemächlich in den Mund steckt“.

Man hat den Großvater später doch nach St. Petersburg zurückgebracht, seine Stadtwohnung freilich „getarnt“, daß sie aussah wie die Zimmer in Nizza – „und der Teil einer Hauswand, den man vom Fenster aus sehen konnte, wurde blendend weiß gestrichen, so daß er sich in seinen vergleichsweise lichten Momenten sicher an der vermeintlichen Riviera wiederfand.“ Bald darauf, „am 28. März 1904“, also „auf den Tag genau achtzehn vor meinem Vater“, dem zweiten Sohn dieses (vergleichsweise) liberalen Juristen und Politikers, „verschied“ er, „in Frieden“.

Ein Kreis hat sich geschlossen, ein anderer Kreis hat sich geöffnet und gibt nun auch den Durchblick frei auf die „Spirale“, die den einzelnen Kreis „befreit“, und „vergeistigt“, also aufhebt in jenem hegelschen Sinn, der am Ende dieser Erinnerung ausdrücklich angesprochen wird – als Triade: These, Antithese und schließlich Synthese, die auf einer neuen, höheren Stufe selbst wieder zur These wird, die Spirale weiterdreht. „Eine farbige Spirale in einer kleinen Glaskugel, so sehe ich mein eigenes Leben.“ 1899 bis 1919, die Jahre in der russischen Heimat, 1919 bis 1940, das freiwillige Exil in England, Deutschland und Frankreich. 1940 bis 1960, das Leben in der „Wahlheimat“, den USA, die „Synthese“ und zugleich „eine neue These“.