Von Joachim Nawrocki

Der Palast der Republik, in dem die DDR-Prominenz jetzt ihr Staatsjubiläum feierte, steht nicht von ungefähr an genau der Stelle, an der sich bis 1950 das Berliner Schloß befand – schwer beschädigt zwar, aber durchaus wiederherstellbar. Das Charlottenburger Schloß und der Reichstag in West-Berlin, das Schauspielhaus, die Dome und andere historische Bauten in Ost-Berlin waren nicht weniger zerstört und zeigen, sich heute in neuer Prächtigkeit. Über das Hohenzollern-Schloß entschied der DDR-Gründer Walter Ulbricht im Juli 1950 anders. Er wollte dort einen Demonstrationsplatz, auf dem sich der Wille des Volkes ausdrücken könne.

Als wenn es der SED auf diesen Ausdruck angekommen wäre! Die Überbleibsel Preußens sollten damals getilgt werden. Ebenfalls im Juni 1950 wurde Christian Daniel Rauchs Reiterdenkmal von Friedrich dem Großen Unter den Linden anläßlich einer Demonstration mit Strohmatten verhängt; sein Anblick galt wohl als obszön. Wenige Wochen später wurde der Große Friedrich abtransportiert und in einem Potsdamer Park versteckt.

Wie sich die Zeiten ändern. Heute steht Friedrich wieder auf seinem alten Platz und schaut auf Militärparaden, die Berliner Innenstadt wird weiter rekonstruiert und zum Teil mit historisierenden Neubauten aufgefüllt. Könnte die SED noch einmal entscheiden, dann käme zweifellos der Palast der Republik an einen anderen Ort, und das Berliner Stadtschloß wäre bis zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahre 1987 wiederhergestellt.

An eben diesem Ort sagte jetzt Erich Honecker zum 35. Jahrestag seiner DDR vor versammeltem Festpublikum, seine Partei wolle "alles tun für das Wohl des Menschen, das Glück des Volkes und für einen gesicherten Frieden". Zur gleichen Zeit drängte sich ein Teil dieses Volkes im Palais Lobkowitz in Prag, dem Sitz der deutschen Botschaft in der Tschechoslowakei. Während der Staat DDR jeden Anlaß wahrnimmt, um sich selbst zu feiern, nutzt ein Teil seines Staatsvolks jede Möglichkeit, ihm zu entkommen. Es ist gar keine Frage, daß dieser Staat in 35 Jahren weit vorangekommen ist, weiter als zur Zeit der Staatsgründung – die übriens keineswegs eine Reaktion auf die Gründung der Bundesrepublik war, sondern von langer Hand vorbereitet wurde – irgend jemand ahnen konnte. Aber es ist ebenso sicner, daß die DDR, wenn ihre Führung auch die kritisch-loyalen Bürger zu ihrem Recht kommen ließe, noch ein ganzes Stück weiter wäre: wirtschaftlich effektiver, innenpolitisch entspannter, nach außen geachteter.

Die 35jährige Geschichte der DDR ist die Geschichte des Versuchs, das Volk auf eine Gesellschaftsform einzuschwören, an der seine Mehrheit keinen sonderlichen Gefallen findet. Das Ziel der Staatspartei war immer das gleiche, nur die Methoden wechselten: stalinistische Repression, Zuckerbrot und Peitsche, Brot und Spiele, beschwörende Appelle, mal etwas Druck ablassen, dann wieder den Deckel drauf. Und weil die Partei- und Staatsführung ihrem Volk zutiefst mißtraut, wie schon allein der riesige Sicherheitsapparat zeigt, hat sie sich selbst zur Erfolglosigkeit verurteilt.

Wolf Biermann, einer der wenigen, die unfreiwillig ausreisten, dichtete vor zwanzig Jahren: "Das Land ist still/Die Menschen noch immer wie tot/Still. Das Land ist still. Noch." Längst ist das Land nicht mehr still. Ausreisewillige, Friedensbewegung, Öko-Gruppen, die wenigen mutigen Künstler und Schriftsteller, die noch geblieben sind, sie alle melden sich immer wieder zu Wort. Und je leiser, unauffälliger sie es tun, um so größer ist ihre Wirkung.