Die Ausbildungs-Bilanz ’84 kann sich sehen lassen. Aber noch immer stehen zu viele Betriebe abseits.

Es ist ein uralter Streit, ob ein Glas, das bis zur Mitte gefüllt ist, als halb voll oder als halb leer bezeichnet werden muß. Ganz neu ist hingegen die Auffassung, daß auch ein Glas, das zu über 92 Prozent gefüllt ist, als mehr oder weniger leer zu gelten hat.

Der Streit darüber wurde nicht etwa zwischen Gästen und Wirten während des Oktoberfestes in München ausgetragen; er beschäftigt vielmehr Regierung und Opposition in Bonn. Denn nach dem bisher vorliegenden Ergebnis der Ausbildungskampagne ’84 könnten von den rund 760 000 Bewerbern um eine Lehrstelle bis Ende September siebenhunderttausend Mädchen und Jungen in Betrieben untergebracht werden, während sechzigtausend bisher noch auf der Straße stehen.

Gewiß, dies sind sechzigtausend zuviel. Aber zunächst einmal muß die Leistung der Unternehmen, Verbände und Behörden anerkannt werden, die in einer ungewöhnlich schwierigen Situation eine außergewöhnliche Leistung zustande gebracht haben. Nachdem die ausbildenden Firmen bereits in den vergangenen Jahren oft weit über den eigenen Bedarf hinaus Lehrstellen geschaffen haben, bedurfte es eines ganz besonderen Kraftaktes, um die Zahl der Ausbildungsplätze nochmals zu steigern. Das verdient vorbehaltlos Anerkennung.

Allerdings verdienen es auch die Firmen, daß mit dem Finger auf sie gewiesen wird, die nichts oder wenig dazu beigetragen haben, mit der derzeit größten sozialen Herausforderung – der Jugendarbeitslosigkeit – fertig zu werden. Denn unter den vielen Unternehmen, die noch immer abseits stehen, gibt es nur wenige, die auch beim besten Willen und aus objektiven Gründen überhaupt nichts für die Jugend tun können. Selbst da, wo es auch im Verbund mit anderen Betrieben, Verwaltungen und Verbänden wirklich nicht möglich ist, Ausbildungsplätze zu schaffen, könnten in den meisten Fällen wenigstens Praktikantenstellen geschaffen werden.

Vielen tausend Jugendlichen könnte dadurch die Chance eröffnet werden, im Laufe eines Jahres ein Stück Betriebswirklichkeit kennenzulernen, sich beruflich zu orientieren und ein bescheidenes eigenes Einkommen zu verdienen. Sie würden dann nicht in die Hoffnungslosigkeit gestoßen, kämen nicht in die Gefahr, herumzulungern und in zweifelhafte „Szenen“ abzugleiten. Zugleich würden sich ihre Aussichten bessern, wenigstens im nächsten Jahr einen Ausbildungsplatz in einem anerkannten Lehrberuf zu erhalten.

Da von den jetzt noch unvermittelten Jugendlichen in den nächsten Wochen und Monaten viele doch noch einen der bisher unbesetzten oder wieder frei werdenden Ausbildungsplätze erhalten werden, brauchte in diesem Jahr kaum ein Bewerber völlig leer auszugehen – wenn sich nur ein kleiner Teil der bisherigen Ausbildungsmuffel noch dazu entschließt, mitzuziehen.

Mit dem Finger muß allerdings auch auf die Gewerkschaften verwiesen werden. Obwohl sie noch vor wenigen Wochen mit der Horrorzahl von 200 000 unversorgten Lehrstellenbewerbern Panik zu erzeugen versuchten, haben sie selber weder in ihren Verwaltungen noch in den zahlreichen zu ihrem Einflußbereich gehörenden Unternehmen übermäßige Anstrengungen unternommen, selber etwas zur Lösung des Problems beizutragen. Schlimmer noch: Sie haben sich (mit einer Ausnahme) nicht, einmal zu der Geste durchringen können, wenigstens in diesem Jahr keine weitere Erhöhung der Ausbildungsvergütung zu fordern, obwohl sie damit die Ausbildungsbetriebe von finanziellem Druck entlastet und die Wirtschaft insgesamt unter starken moralischen Druck gesetzt hätten. Michael Jungblut