Hervorragend

Dick Gaughan: „Handful of Earth“. Das größte Kapital des schottischen Sängers ist nicht mal seine Picking-Technik, sondern die „klassische“ Folkie-Stimme, wie sie als weibliches Gegenstück auch die viel zu früh gestorbene Sandy Denny besaß: genauso intim wie expressiv in den Nuancen, dabei so wunderbar modulationsfähig, wie man das nicht lernen kann, sondern als Erbe mitbekommen mußte. Diese vielfach preisgekrönte und jetzt erst hierzulande veröffentlichte Produktion von 1981 ist „traditionalistischer“ in Stil und Songauswahl als Dick Gaughans letzte Platte „A Different Kind of Love Song“, auch weniger abwechslungsreich und kontrovers als diese, mehr an puristische Folk- als Folk-Rock-Fans wie mich adressiert. Innerhalb des Genres aber auch ein Meisterwerk. Danach kramt man am besten sofort wieder die frühen Fairport-Convention-Platten hervor, um einmal mehr zu entdecken, wie genial Dylan die Gattung 1965 im Handstreich „modernisiert“ hatte! Dick Gaughan ist im übrigen bis zum 28. Oktober auf einer längeren Deutschland-Tournee zu hören. (FolkFreak FF 404017/Verlag „pläne“)

Franz Schöler

Notwendig und suspekt zugleich

„Zeitgenössische Musik in der Bundesrepublik.“ Als das Projekt angekündigt wurde, vor drei Jahren, war es nicht schwer, Skepsis zu empfinden. „Zeitgenössische Musik in Deutschland“ – war das nicht schon im Ansatz wieder jene elitäre und hybride Abkapselung, die nationalistische Nabelschau, der erneute Anspruch des Volkes der Dichter und Denker? „Deutschland ist eine Musiknation“ – dieser Geleitwort-Satz des Bundesinnenministers Zimmermann scheint ja so falsch nicht, was unseren Konsum zwischen Bach und Richard Strauss betrifft. Und trotzdem ist er verlogen. Der Ghostwriter war gewiß noch nie in einem jener höchst seltenen Abonnementskonzerte, in denen ein tollkühner Generalmusikdirektor ein nach 1945 komponiertes Stück zu spielen sich getraute. Daß eine solche Platten-Anthologie also notwendig ist und suspekt zugleich, ein Lehr- und Lernobjekt für die Nachgeborenen, eine zusammengeraffte Übersicht über Stile und Tendenzen, über kompositionstechnische Entwicklungen und individuelle Lösungsversuche, somit verdienstvoll genug; aber auch ein Dokument der Resignation gegenüber der Fülle von Material, nicht frei von Wünschen und subjektiv getrübten Vorstellungen – das ist so selbstverständlich wie unvermeidbar. Nun wurde die Sammlung komplett – York Höllers „Schwarze Halbinseln“ für Orchester, vokale und elektronische Klänge, im November 1982 uraufgeführt, sind das jüngste Werk. Wollen wir rechten über die Auswahl? Mitnichten. Rund fünfundzwanzig Stunden Musik, dazu fast 200 Seiten Text über die Tendenzen, die Komponisten, die Werke – das ist, nehmt alles nur in allem, eine beachtenswerte Leistung. Daß dabei die ARD-Anstalten mitzogen und ihre Aufnahmen zur Verfügung stellten, sagt etwas aus über die tatsächlichen Initiatoren der musikalischen Avantgarde, kam aber vor allem auch der interpretatorischen Qualität der Platten zugute, ebenso wie die Bereitschaft der renommierten Plattenproduzenten, einmal über ihren Schatten zu springen und sich an einem firmenübergreifenden Projekt zu beteiligen. Über das „Altern der neuen Musik“ ketzerte schon 1957 Theodor W. Adorno. Die zehn Kassetten stellen die alten Fragen neu – was das denn nun sei, „Fortschritt“ in der Musik; was, umgekehrt, die „Vergänglichkeit“, was denn wohl stärker zu werden sei – Phantasie oder Technik, Inhalt/Material oder Form; wieviel mehr an Information es bedarf, auch nur einem der Stücke zu folgen oder der Heterogenität einer einzelnen Platte. „Nicht in jedem Jahr eine Handvoll Meisterwerke“, konstatierte einst Heinrich Strobel, lange Jahre Motor und Programmierer der Donaueschinger Musiktage, über sein Festival. Ähnliches gilt für die Anthologie. Manchmal könnte der Rückblick in die resignierende Frage münden, ob da überhaupt ein Meisterwerk sich finde. Aber vielleicht genügt die stille Hoffnung, daß wir noch nicht berufen sind zu einem solchen letzten Urteil. Die Kassetten könnten uns aber helfen, das Urteil bilden zu lernen. (EMI DMR 1000-1030).

Heinz Josef Herbort

Ehrgeizig