Ein Mosaik zur Frankfurter Buchmesse

Von Benedikt Erenz

Ein Brief

Der zwölfjährige Christian Dietrich Grabbe schreibt seinen Eltern einen Brief: "Ich habe einen heftigsten Wunsch, Wunsch sage ich die heftigste Begierde, die größte Leidenschaft, nach einem Buche. Aber ach alle meine Wünsche scheitern, meine Ruhe ist dahin auf lange, lange Zeit, es ist – es ist o Gott – zu theuer. Zitternd schreibe ich es. Wie gern gab ich vieles von meiner Kleidung dahin um es zu erhalten, allein dies würdet ihr nicht erlauben, doch geht es so erlaubt es Vater, liebe Mutter! ... Es heißt: Zimmermann Taschenbuch der Reisen ... Verschreibst Du es mir so will ich alles Unnöthige verkaufen. O Gott welch einen Tag habe ich heute wieder gehabt ich habe das Buch immer vor Augen gehabt... Jetzt wollte ich Dich warnen mich mit nach Meinberg zu nehmen, weil denn das Geld was ich da verzehren würde besser zum Buche angewandt wäre. Ich will keine Butter mehr essen, Kaffee wenig trinken. Frag doch den Dienstag um den (genauen) Preis des Buchs, und verschreib es darnach wenn du kannst, bedenk meine Ruhe hängt lange, lange davon ab ..."

Plötzliche Erinnerung an diesen Brief, inmitten der Halle 5, irgendwo zwischen dem weißen Salon des Suhrkamp Verlages und der bunten Bude für das erste Video-Kochbuch der Welt ("Der neue leichte Weg zum großen Eßvergnügen!"). Irgendwo, im Rausch der Bücher, zwischen den Regalen von über sechstausend Verlagen aus hundert Ländern aller Kontinente mit neunzigtausend neuen Büchern, in meiner Hand das Faltblatt des Börsenvereins, randlos eng bedruckt mit den neuen Zuwachsziffern, plötzlich die Frage: Braucht das jemand? Liest das jemand? Gibt es irgendwo einen noch, der keine Butter mehr äße, keinen Kaffee mehr tränke, um Geld zu sparen – um ein Buch zu kaufen?

Leidenschaft

Um ein Buch zu machen! Immer wieder zieht es mich in diesen Teil der riesigen neuen Halle, dahin, wo die Buchmacher sitzen, die Kleinverleger, wie der Raben Verlag aus München, Ober-Daum aus Berlin, der Machwerk Verlag, Siegen, Renner aus München, Robinson aus Frankfurt, der Qumran Verlag, der Hamburger Nemo Verlag, die edition die maus, Rosa Winkel, der Nie/nie/sagen Verlag und wie sie alle heißen. Von der Hand in das Buch, der Mund kriegt nichts, das Auto des Verlegers ist schon lange ein Dorn im Auge des TÜV, die Adresse nur provisorisch, die Telephonnummern wechseln. Nur die Qualität der Bücher bleibt unerschütterbar exzellent. Handabzüge, getöntes Papier, Bütten und Pergament, Seite für Seite mit Leidenschaft gedruckt: Bibliophile Kostbarkeiten, exotische Raritäten, Avantgarde von gestern, immer noch kühner als alle Produkte der Konzerne für die sogenannte Gegenwartslitertur.