Weshalb die Geschäfte mit dem Blut gefährlich sind

Von Georg Bremer

Amerikanische Gerichte haben sich schon mit den sonderbarsten Schadensersatzforderungen befassen müssen. Die Klage aber, die Anfang Mai dieses Jahres Daniel Gallagher einreichte, ist nicht nur für die Vereinigten Staaten ein brisantes Novum. Sie könnte auch für Betroffene in der Bundesrepublik zu einem Präzedenzfall werden. Der 34jährige Gallagher war plötzlich an Aids erkrankt und glaubt nachweisen zu können, daß er sich die tödliche Seuche durch Medikamente der amerikanischen Pharmafirma „Cutter“ zugezogen hat.

Daniel Gallagher ist „Bluter“, er leidet unter der „Krankheit der Könige“. Weltweit sind heute etwa 225 000 Menschen von der Bluterkrankheit, von Hämophilie betroffen, 6000 in der Bundesrepublik. Ihnen fehlt von Geburt an einer von 13 Gerinnungsstoffen im Blut, in den meisten Fällen der „Faktor VIII“. Ein Damoklesschwert: Hämophile leiden an Blutungen in Gelenken, Muskeln und inneren Organen, die unbehandelt zu frühzeitiger Invalidität und Tod führen. Nicht minder fatal können sich auch äußere Verletzungen, Schnittwunden zum Beispiel, auswirken – wenn es nicht rettende Gerinnungspräparate gäbe. Gerinnungspräparate, wie sie die Firma „Cutter“ herstellt.

Die „Cutter Laboratories“, eine hundertprozentige Tochter des Leverkusener Bayer-Konzerns, zählen in der Welt zu den größten Herstellern von Medikamenten aus menschlichem Blutplasma. „Cutter“-Produkte werden in der Bundesrepublik durch die Kölner Tropon-Werke vertrieben. Am einträglichsten von allen Plasmamedikamenten sind jene Gerinnungspräparate zur Behandlung von Bluterkranken, an denen sich Daniel Gallagher infiziert haben will.

Die 6000 Bluterkranken in der Bundesrepublik verbrauchen Therapeutika, die allein 2,3 Prozent des Medikamentenetats der deutschen Krankenkassen verschlingen. Ein einziger Patient brachte 1981 die Allgemeine Ortskrankenkasse in Euskirchen fast an den Rand des Ruins: Er rechnete in dreißig Monaten 23,9 Millionen Mark für seine Gerinnungspräparate ab.

Der Stoff, der den Hämophilen helfen soll, ist indes nicht immer keimfrei, denn – so das Bundesgesundheitsamt – „es besteht der begründete Verdacht, daß Blutgerinnungsfaktor-VIII-Präparate (welche die meisten Bluterkranken benötigen) Infektionskrankheiten und ‚das erworbene Immundefektsyndrom‘ (Aids) auslösen können“. Der für die Herstellung von „Faktor-Konzentraten“ benötigte hochkomplizierte Bluteiweißstoff läßt sich nämlich nicht garantiert virussicher sterilisieren. Als Ausgangsprodukt für die „Faktor-Konzentrate“ wird Blutplasma aus großen Pools, Sammelbecken, verwendet, in denen Tausende von Einzelspenden einfließen. Wenn Krankheitserreger unerkannt in einen Pool gelangen, kann die ganze Charge infiziert werden.