Von Wolfgang Krüger

Es gibt Dokumente zur Sozialgeschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, die man heute immer wieder nur mit ungläubiger Betroffenheit erneut zur Kenntnis nehmen kann. Ernst Abbe, Mitinhaber und Leiter der weltbekannten Zeiss-Werke in Jena – also ein wohl durchaus seriöser Zeuge seiner Zeit –, berichtet in seinen Gesammelten Werken (Band 3, Jena 1906) von seinem Vater – bis Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Spinnmeister in der mitteldeutschen Textilindustrie – folgendes:

„Er hat jeden Tag, den Gott werden ließ, vierzehn, fünfzehn, secnzehn Stunden bei der Arbeit stehen müssen. Vierzehn Stunden, von morgens fünf bis abends sieben Uhr, bei normalem Geschäftsgang; sechzehn Stunden, von morgens vier bis abends acht Uhr, bei gutem Geschäftsgang, und zwar ohne jede Unterbrechung, selbst ohne Mittagspause. Und ich bin“, so fährt Abbe fort, „dabeigestanden, wie mein Vater sein Mittagessen, an eine Maschine gelehnt oder auf eine Kiste gekauert, aus dem Henkeltopf mit aller Hast verzehrte, um mir dann den Topf geleert zurückzugeben und sofort wieder an die Arbeit zu gehen.“

Das also war die Situation von Arbeitern vor 150 Jahren. Gewiß, die Textilindustrie gehörte zu den Produktionsbereichen, in denen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der unbarmherzige Mechanisierungsprozeß mit besonderer Wucht durchsetzte. Aber in anderen Wirtschaftsbereichen war es nicht viel anders. In der Ära der Auseinandersetzungen um die Einführung der 35-Stunden-Woche ist es gut, sich daran zu erinnern, daß es Zeiten gegeben hat, in denen in der Industrie bis an die neunzig Stunden in der Woche gearbeitet wurde, ohne freien Samstag und ohne freien Sonntag, ohne jeden Anspruch auf Urlaubstage- und das zu einem Lohn, mit dem Arbeiterfamilien nur durch zusätzliche Frauen- und Kinderarbeit überleben konnten.

Es waren – die soziale Frage hat hier ihren Ursprung – schlimme Zeiten; und sie sind in zwei Richtungen kommentierbar. Die einen sagen: Obwohl in gut hundert Jahren die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit halbiert wurde, obwohl heute freier Samstag und freier Sonntag, sowie ein mehrwöchiger Urlaub nahezu für alle Arbeitnehmer zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind, ist das den Gewerkschaften noch immer nicht genug.

Die anderen sagen: Trotz der Erfolge auf cem Gebiet der Arbeitszeit vom Frühkapitalismus bis heute, ist der von der Produktivitätsentwicklung gegebene Spielraum für weitere Arbeitszeitreduzierungen zur Humanisierung der Arbeitsveit noch nicht ausgeschöpft. Außerdem erfordert die hohe Arbeitslosigkeit eine Umverteilung der vorhandenen Arbeit auf mehr Hände und Köpfe.

Wer dieser zweiten Meinung zuneigt, wird drei im gewerkschaftseigenen Bund-Verlag erschienene Bücher zum Arbeitszeitproblem mit Gewinn lesen. Das gilt insbesondere für die beiden Bände, die sich mit der Geschichte der Kontroversen um die Arbeitszeitverkürzung vom Beginn der Industrialisierung bis zur Gegenwart beschäftigen. Sie verdanken ihre Substanz gründlicher Archivarbeit.