Von Wolfgang Gehrmann

Die Weisen lagen voll im Trend. Wohl angesteckt von der verbreiteten Stimmung, daß es mit der Zugkraft des Made in Germany auf den Märkten der Welt zu Ende gehe, mochte der Rat der Wirtschaftssachverständigen im vergangenen Herbst der deutschen Industrie im Ausland keine großen Erfolge mehr verheißen. Um müde vier Prozent nur, so die Prognose der Konjunkturgutachter, würde im Jahr 1984 der Export aus der Bundesrepublik wachsen.

Nur wenige Monate später begründeten die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in gründlichen Strukturuntersuchungen, warum die deutsche Wirtschaft international in Hintertreffen zu geraten drohe. Zu hohe Löhne, zu geringe Rentabilität, ein Übermaß an Subventionen für vergreiste Branchen und zu geringes Engagement in den Bereichen der Spitzentechnologie, so orakelte zum Beispiel das Institut für Weltwirtschaft in Kiel, würden die bis dato exportstarken deutschen Firmen im globalen Konkurrenzkampf um ihre Zukunftschancen bringen.

Doch wieder nur wenige Monate später sahen sich die pessimistischen Forscher beißendem Spott preisgegeben. Selten, so scheint es nämlich, haben die Konjunkturexperten so danebenprognostiziert: Die Ausfuhr der deutschen Industrie boomt gegenwärtig wie in den besten Zeiten.

Während die Wissenschaftler in Kiel und anderswo noch über ihren Irrtum disputieren, planen die Manager der Lufthansa zusätzliche Linienflüge mit Jumbo-Frachtern, um die in aller Welt mächtig gefragten Waren aus Deutschland pünktlich liefern zu können. Seit Anfang des Jahres schon starten von Frankfurt wöchentlich zwei zusätzliche Boeing-747-Frachter in die USA. Ab November kommen zwei weitere hinzu.

Vor allem aus den USA nämlich gehen laufend Orders bei deutschen Exportfirmen ein. Bis Juli wurden für fast 25 Milliarden Mark Güter in die Vereinigten Staaten verkauft – beinahe fünfzig Prozent mehr als vor Jahresfrist. Weil die Importe aus den USA zugleich nur um zwölf Prozent auf achtzehn Milliarden Mark wuchsen, schoß der deutsche Überschuß im Handel mit Amerika auf fast sieben Milliarden Mark hoch. Im Vorjahr hatte er noch keine Milliarde betragen.

Der gesamte deutsche Export wuchs zwischen Januar und August um dreizehn Prozent auf 313 Milliarden Mark, der Überschuß in der Handelsbilanz war mit 27 Milliarden Mark so hoch wie im Vorjahr. Allein über ein Viertel des deutschen Exportüberschusses resultiert also aus dem Handel mit den Vereinigten Staaten. Aber auch die Ausfuhren nach Japan – immer noch Angstgegner der deutschen Industrie – stiegen um bemerkenswerte 28 Prozent.