Die Kritik an der Fondspolitik übersieht die Realitäten in der Dritten Welt

Von Rudolf Herlt

Die Große Anfrage der Grünen über die Politik von Weltwährungsfonds und Weltbank im Bundestag hatte in der letzten Woche eine Premiere zur Folge, eine große Debatte über einen Gegenstand, der sonst nicht im Mittelpunkt des parlamentarischen Interesses steht. Die Bundesregierung wurde zu einer Bestandsaufnahme in diesem Bereich der internationalen Politik gezwungen, und gab dabei der Öffentlichkeit wichtige Informationen.

Die Grünen hatten von ihrer Position der Voreingenommenheit gegen die beiden internationalen Organisationen aus 156 Fragen an die Bundesregierung gerichtet, von denen einige tatsächlich den Kern der gegenwärtig weltweiten Diskussion trafen. Es heißt, ihnen sei aus dem Hause Stoltenberg Munition geliefert worden; anders konnte man sich die Sachkunde, die sich in manchen Fragen ausdrückte, nicht erklären. Die Grünen haben sich wahrscheinlich durch die Argumente der Bundesregierung nicht von ihrem Vorurteil abbringen lassen, daß insbesondere der internationale Währungsfonds ein Instrument zur Ausbeutung der Entwicklungsländer, ein Werkzeug des Neokolonialismus sei.

Soziale Zerreißproben

So denkt auch die Mehrzahl der Menschen in der Dritten Welt. Es wäre töricht, wollte man leugnen, daß es berechtigte Zweifel gibt, ob der Währungsfonds mit seiner Politik auf dem richtigen Weg ist. Die Liste sozialer Zerreißproben, die nach wirtschaftspolitischen, vom Fonds verordneten Anpassungsprogrammen zu beobachten waren, ist lang. Die Kritik, die sich daran entzündet, ist verständlich. Ist sie auch berechtigt?

Der Internationale Währungsfonds ist gegründet worden, um weltweite Depressionen wie in den dreißiger Jahren zu vermeiden. Damals hatte ein Abwertungswettlauf die Welt in ihre bisher tiefste Wirtschaftskrise gestürzt. Der Fonds erhielt den Auftrag, Regeln für geordnete Wechselkursänderungen seiner Mitgliedsländer zu entwickeln und auch sonst für geordnete Währungsverhältnisse zu sorgen. Er wurde über die Quoten seiner Mitglieder mit finanziellen Mitteln ausgestattet, die er Ländern leihen konnte, die ohne solche Hilfen zu protektionistischen Maßnahmen Zuflucht genommen hätten.