Die Aufpasser der Bank von England hatten schon vor einem Jahr die Stirn gerunzelt, als sie im Verlauf ihrer routinemäßigen Überwachung entdeckten, in welch starkem Maße das Goldhandelshaus Johnson Matthey Bankers Limited das Kreditgeschäft ausgeweitet und damit neuen Boden betreten hatte. Zwar wurden „besorgte Fragen“ dringlicher gestellt, als die Kreditexpansion in diesem Jahr weiterging. Aber noch Ende Juni testierten die Wirtschaftsprüfer einen Jahresabschluß per Ende März, in dem der Gewinn vor Steuern von 24,3 auf 9,5 Millionen Pfund abgesackt war.

Die Prüfer waren dann noch einmal durch die Bücher gegangen und stellten plötzlich einen Abschreibungsbedarf auf notleidende Kredite von wenigstens 100 Millionen Pfund fest. Dieser Betrag hätte nicht nur die Bank umgeworfen, sondern auch ihre Muttergesellschaft, die börsennotierte Johnson Matthey Public Limited Company in Gefahr gebracht. Die Direktoren der 167 Jahre alten Gesellschaft beichteten der Bank von England und baten um Hilfe. Die Zentralbankiers organisierten eine Rettungsaktion in der Londoner City. Sie übernahmen selbst die praktisch bankrotte Bank für den symbolischen Betrag von einem Pfund und überredeten ein Konsortium von Banken zu einer Liquiditätshilfe von einer Viertel Milliarde Pfund für die Muttergesellschaft.

Die Rettungsaktion wirft ein interessantes Licht auf die Art und Weise, wie in London verfahren wird, wenn eine Bank in Gefahr gerät, ihre Schalter schließen zu müssen. In der Bundesrepublik kamen andere Banken zu Hilfe, als die Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. zusammenzubrechen drohte und sorgten so für eine rein privatwirtschaftliche Form der Bereinigung. Die wesentlichen Teile des Bankgeschäfts wurden schließlich von der britischen Lloyds Bank erworben. In den USA fing im wesentlichen die staatliche Einlagenversicherung die angeschlagene Bank Continental Illinois auf.

In Großbritannien fand man eine gemischte Lösung. Wenige Stunden nach der in der letzten Phase dramatischen Rettung rühmte Robin Leigh-Pemberton, der Präsident der Bank von England, „die Bereitschaft anderer Banken, mit uns an einem Paket von Maßnahmen teilzunehmen, um den Londoner Goldmarkt und seine Teilnehmer zu erhalten“. Er verteidigte damit auch seine Entscheidung, die Goldbank ins Eigentum der Zentralbank zu übernehmen.

Nur in einem Punkt spenden die Kommentatoren einhellig Lob. Sie preisen das Geschick und vor allem die Schnelligkeit, mit der die Bank von England die Fäden zog und das komplizierte Paket schnürte, als es wirklich ernst wurde. Hier wirkte sich das Netz informeller Verbindungen in der City ebenso positiv aus, wie die Überzeugungskraft der Zentralbank, gegen deren „Ersuchen“ die Banken ungern rebellieren. Aber sowohl die Vorgeschichte wie auch die Form der Rettung ist auf nicht unerhebliche Kritik gestoßen. Es wird sogar die Frage gestellt, ob es aus Gründen der Disziplin nicht besser gewesen wäre, die Bank, vielleicht sogar die ganze Gruppe in Konkurs gehen zu lassen, um durch diese Lektion zu demonstrieren, daß der Bankrott die äußerste Sanktion des kapitalistischen Systems ist.

Der Fall macht klar, daß die Bank von England als amtliche Aufsichtsbehörde trotz der regelmäßigen Informationen und Kontakte lange Zeit im unklaren über die Verwundbarkeit von Banken und ihre wahre Lage bleiben kann. Die Bankiers von Johnson Matthey, die angesichts des ruhigen Goldmarktes nach neuen Ufern strebten, rühmten ihre Fähigkeit, das nicht mit dem Goldhandel verbundene Kreditgeschäft rapide auszuweiten, innerhalb von drei Jahren um das Zehnfache auf fast eine halbe Milliarde Pfund. Aber die Qualität ihrer Kunden blieb im dunkeln. „Wir müssen uns“, so ein Sprecher der Notenbank, „eben sehr stark auf die Qualität des Managements verlassen.“ Als die ehrgeizigen Manager schließlich zur Beichte erschienen, war es für korrigierende Maßnahmen längst zu spät.

Die Wirtschaftsprüfer von Arthur Young McClelland Moore + Co. bestätigten der Bank und der Mutter noch im Juni, daß die Abschlüsse per Ende März die Geschäftsangelegenheiten „wahr und fair“ widerspiegeln, die Standardformel des uneingeschränkten Testats. Die Bank von England wollte es dann aber doch genauer wissen und die Prüfer erklären nun, die Probleme seien erst in jüngster Zeit entstanden, als die Kreditgeber gutes Geld schlechten Kunden hinterherwarfen.