Von Ulrich Schiller

Washington, im Oktober

Der große amerikanische Publizist Henry Louis Mercken pflegte zu sagen: "Objektivität ist, wenn der Papst dem Teufel Chancengleichheit einräumt." Eine ähnlich zuschlagende Definition der Subjektivität hat dieser amerikanische Karl Kraus aus Baltimore, der leider schon vor Ausbruch der Fernsehdemokratie das Zeitliche segnete, seinen Landsleuten nicht ins Gedächtnis geschrieben. Vielleicht würde er jetzt den Stabschef des Weißen Hauses anführen, James Baker, der Ronald Reagan zum Sieger der ersten Fernsehdebatte erklärte, weil es Walter Mondale nicht gelungen war, "einen K.o.-Schlag zu landen".

Jede Auslegung ist möglich. Das ist das Wesen dieses zum "High Noon" der Wahlsaison hochstilisierten Matchs der Kandidaten gegeneinander und gegen die Kamera, es gibt keinen Schiedsrichter, keine sichere Bewertung des Duells. Jedes Urteil über den Ausgang der Fernsehdebatte ist subjektiv, weil jeder der hundert Millionen Zuschauer – 40 Prozent der Bevölkerung der USA, wenn die Schätzung einigermaßen stimmt! – seine eigenen Kriterien anwendet. Politiker urteilen aus Loyalität und in aller Regel nach der Parteiräson. Journalisten haben ihr Notizbuch, freilich haben auch sie eine höchst persönliche Sichtweise genauso wie der Normalverbraucher vor der Mattscheibe, dem sich Bilder und Worte irgendwann zu einem Eindruck verdichten, wer von den beiden Gladiatoren denn der bessere sei. Und auf diesen Eindruck hin ist die ganze Veranstaltung getrimmt. Dafür hatten die Kandidaten gepaukt, gebüffelt und am Double trainiert. Den Mondale mimte für Reagan Budgetdirektor David Stockman; der soll so gut gewesen sein, daß er den Präsidenten des öfteren austrickste. Mondale hatte den Präsidenten der Columbia-Universität, Michael Sovern, als Ersatz-Reagan engagiert. Der Jura-Professor scheint seine Sache in Mondales Wohnzimmer gut gemacht zu haben.

Für den guten Eindruck beim Publikum hatten die Wahlkampfmanager und die Image-Pfleger beider Kontrahenten ein Aufgebot von über hundert Journalisten so lange und in eigener Sache so erbarmungslos ausgesiebt, bis nur noch drei für das Fragestellerpodium hängenblieben – nicht einmal vier, wie die "Liga der weiblichen Wähler", der Veranstalter, gewünscht hatte, der sich aus unerklärlichen Gründen das Heft aus der Hand nehmen ließ. Für den Fernseh-Eindruck nahmen es Reagan und Mondale schließlich in Kauf, beim Duell in Louisville im Staat Kentucky anderthalb Stunden in staatsmännischer Würde hinter dem Rednerpult zu stehen und sich nicht einmal einen Hocker unter dem Gesäß zu gönnen. Reagans Leute hatten auf einem blauen Hintergrund bestanden – vor blau mache sich der Präsident besonders gut. Sie bekamen ihn. Aber was eigentlich macht schließlich den entscheidenden, ausschlaggebenden Eindruck?

In den ersten großen Fernsehdebatten, vor fast fünfundzwanzig Jahren hatte John Kennedy den in Fakten und Zahlen heramklaubenden Richard Nixon mit Schwung und Pathos schlicht überrollt. Aus der Debatte Gerald Fords gegen Jimmy Carter 1976 ist hängengeblieben, daß Ford bestritt, Osteuropa stehe unter sowjetischer Vorherrschaft, wo er doch eigentlich den Selbstbehauptungswillen dieser Völker meinte. 1980 – Carter gegen Reagan – war in doppelter Hinsicht lehrreich. Carter zitierte nukleare Alpträume seiner zwölfjährigen Tochter Amy, um die Dringlichkeit von Abrüstungsverhandlungen zu illustrieren, und mobilisierte damit alle Vorurteile und Negativempfindungen, die Amerika gegen diesen seltsam linkischen Präsidenten hegte. Und Ronald Reagan lieferte danach zwei kurze Sätze, die sich bei den Leuten eingruben und den Weg zu, seinem Wahlsieg ebneten: "Geht’s euch heute besser als vor vier Jahren?" war die explosivste Frage jenes Wahlkampfes, und dann, als Qualitätsbeweis für Ronald Reagans launigen Humor, ließ er den Kontrahenten abfahren: "There you go again, Mr. President" – "Jetzt kommen sie damit schon wieder, Herr Präsident". Schwer zu erklären, wo da die Wirkung lag, wenn man nicht Reagans mitleidiges Lächeln bei diesem Ausspruch sah.

Er wollte es wieder anbringen, den Satz und das Lächeln, diesmal gegen Carters früheren Vize, Mondale, kokettierte ein wenig mit dem Anschein des Zögerns, sich selbst zu plagiieren, und als er es dann doch über die Lippen brachte, wurde es zum Reinfall. Mondale war darauf vorbereitet. "Sie sagten diesen Satz", konterte er, "als Präsident Carter erklärte, sie würden die öffentliche Krankenversorgung kürzen. Und was taten Sie unmittelbar nach den Wahlen? Sie gingen hin und versuchten, 20 Milliarden Dollar für die Krankenversorgung aus dem Haushalt zu streichen. Das saß. Es war dem Präsidenten anzusehen.