Hamburg

Es passierte kurz vor Ende der Feier. Die Hamburger Barkasse „Martina“ war am Dienstag abend vergangener Woche mit 40 Teilnehmern einer Geburtstagsgesellschaft und drei Mann Besatzung im Hamburger Hafen zwischen den Schlepper „Therese“ und eine Schute geraten. Die Schute rammte die Barkasse, drückte sie unter Wasser und überlief sie auf einer Länge von etwa 30 Metern. Vierundzwanzig Menschen konnten sofort von der Schlepperbesatzung gerettet werden, sieben Leichen wurden innerhalb des folgenden Tages geborgen, ein weiteres Dutzend wird früher oder später auftauchen.

Was Fachleute und Öffentlichkeit gleichermaßen irritierte, war die unbeantwortete Frage, wie das Unglück hatte geschehen können. Die Lichter am Scnleppzug waren vorschriftsmäßig angebracht, die Trosse zwischen Schlepper und Schute hatte die verordnete Länge, kein Fahrzeug fuhr schneller als erlaubt, keins war über- oder unterbesetzt, alle waren technisch einwandfrei und fahrtüchtig.

Der Schiffsführer der Barkasse aber zog einige Fragen auf sich: Immerhin war Ulrich Wrack 66 Jahre alt, trug eine starke Brille und einen Herzschrittmacher. Doch ein ärztliches Attest, das er – ordnungsmäßig – im vergangenen Sommer eingeholt hatte, zerstreute alle Bedenken: Wruck war fit. Auch Alkohol kam bei ihm nicht in Frage; mehrere Überlebende hatten unabhängig von einander bestätigt, daß er während der Fahrt nur Wasser getrunken hatte. Dies traf ebenso für die Schleppzug-Besatzung zu: Ein Alkoholtest kurz nach dem Unfall war negativ ausgefallen.

Nur eine Tatsache stand fest: Der erfahrene Kapitän Wruck hatte die elementarste Vorfahrtsregel mißachtet und war, ohne zu bremsen, auf die Schute gefahren. Die Suche nach der Ursache ist bisher fruchtlos geblieben. Menschliches Versagen scheint nach heutigen Erkenntnissen der einzige Grund gewesen zu sein.

Jetzt wird darüber diskutiert, wer schadensersatzpflichtig ist und wie hoch die Summe wäre. Nach einem Gesetz aus dem Jahre 1895 könnte jede der 24 Geretteten einen Schadensersatz von höchstens wenigen tausend Mark fordern. Denn die Eigentümerin der „Martina“ braucht nicht mehr zu zahlen, als das Wrack ihrer Barkasse jetzt wert ist. Und das wird auf höchstens 20 000 Mark taxiert.

Dennoch hat die Versicherung „freiwillig und unabhängig von der Versicherungspflicht“ einen Sonderfond von 100 000 Mark für die Geretteten eingerichtet, pro Kopf also 4166,66 Mark. Auch der Hamburger Senat will helfen: Je nach Bedarf sollen die Überlebenden staatliche Hilfe erhalten. Wieviel wollte der Senat nicht verraten. Und der HSV wird – sollte Kaiser Franz zustimmen – zu einem Benefiz-Spiel gegen die Nationalelf antreten. Michel Chaouli