Hannover

Hedwig Strauß war 22 Jahre alt, als die Nationalsozialisten sie 1943 ins KZ verschleppten. Ravensbrück, Bergen-Belsen und Treblinka hießen die Stationen ihrer Leiden in den folgenden Jahren. Verfolgt wurde Hedwig Strauß, weil sie eine Sinti ist.

Etwa 500 000 Angehörige dieser Volksgruppe wurden von den Nazis ermordet, und die wenigen Überlebenden des Holocaust blieben oft psychisch und physisch gebrochene Menschen. Hedwig Strauß ist eine von ihnen. Ihr Leben wurde vom Nationalsozialismus zerstört, und der Rechtsstaat Bundesrepublik zeigte kaum Interesse, das geschehene Unrecht – soweit überhaupt möglich – wiedergutzumachen. Während Freislers Blutrichter Staatspensionen verzehren, müssen Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft bis heute um ihre Anerkennung als Verfolgte und um eine meist bescheidene Entschädigung prozessieren.

Bei Hedwig Strauß dauerte es 27 Jahre. Anfang dieses Jahres wurden der heute 64jährigen Sozialhilfeempfängerin vom Gericht eine Entschädigungsrente in Höhe von monatlich 481 Mark sowie eine einmalige Nachzahlung in Höhe von 20 000 Mark zugesprochen. Doch über das Geld konnte sie sich nicht lange freuen. Kaum hatte Frau Strauß die Entschädigung erhalten, da meldete sich das Sozialamt. Sie habe ja nunmehr ein „Vermögen“, wurde ihr mitgeteilt, und außerdem bezöge sie jetzt eine Rente, die Zahlung der Sozialhilfe werde also eingestellt, und zwar für mindestens vier Jahre. Solange habe sie von ihrer Abfindung zu leben und, damit das klar ist: „Hierbei haben Sie sich wirtschaftlich zu verhalten.“ Rund 6500 Mark kassierte das Sozialamt gleich ein, da es vor einiger Zeit die Renovierungskosten für eine Wohnung von Frau Strauß übernommen hatte.

Der Brief der Behörde schockierte die herzkranke Frau. Den größten Teil der Nachzahlungssumme hatte sie bereits an Angehörige verschenkt und außerdem ihren Anwalt bezahlt, befand sie sich, doch in dem guten Glauben, neben der Sozialhilfe künftig nun auch noch ihre KZ-Entschädigungsrente beziehen zu können. Was sie nicht wußte: Anders als die Zahlungen an Kriegsbeschädigte können die Leistungen an KZ-Opfer auf die Sozialhilfe angerechnet werden.

Mit einer eidesstattlichen Erklärung gelang es Frau Strauß, die Behörde davon zu überzeugen, daß sie das Geld aus der Rentennachzahlung nicht mehr hatte. Die Verrechnung der monatlichen Entschädigungsrente mit der Sozialhilfe aber blieb, und dies bedeutet: Frau Strauß bekommt keinen Pfennig mehr als vorher. Anders gesagt: Entschädigt wird nicht die Betroffene, sondern das Sozialamt.

Der Verband Deutscher Sinti bezeichnet das Vorgehen der Sozialbehörde als zynisch. „Dies bedeutet, den Charakter der Wiedergutmachung zu pervertieren“, heißt es in einem Schreiben des Verbandes an das sozialdemokratische Stadtoberhaupt von Hannover, Herbert Schmalstieg. „Wir gehen davon aus, daß Sie, verehrter Herr Oberbürgermeister, eine solche Verwaltungspraxis ablehnen.“