Von Manfred Sack

Jede „Hauptzeit“, hat Karl Friedrich Schinkel gesagt, habe ihren Stil hinterlassen in der Bau-Kunst: „Warum sollten wir nicht versuchen, ob sich nicht auch für die unsrige ein Stil auffinden läßt?“ Aber leben wir in einer Hauptzeit? Sind wir nicht dabei, eilig eine hinter uns zu bringen? Erklärte nicht gerade dies ein wenig, daß nun nicht mehr nur der Architekt Schinkel beherzigt wird, sondern der Denkmalpfleger? Hatte der nicht seinem König geschrieben, daß wir, wenn wir die Abreißlust nicht mäßigten, „in kurzer Zeit unheimlich, nackt und kahl, wie eine neue Colonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen“ würden?

Gerade haben sich die Hamburger ihr Schauspielhaus mit findiger Genauigkeit restauriert und dabei noch ganz spät entdeckte Spuren ungekannter Schönheit verfolgt – ein Triumph der Denkmalpflege. Die Dresdner sind seit Jahren damit beschäftigt, ihre von Gottfried Semper entworfene Oper so authentisch wie möglich zu rekonstruieren – eine couragierte, von Zweifeln nur gestreifte Unternehmung (weil das Haus einen Ergänzungsbau ertragen muß). Die Stuttgarter haben ihr Opernhaus radikal in seinen ältesten Zustand zurückversetzt und ihm dabei all die ungeliebten Zeichen seiner Geschichte genommen – das Mißtrauen gegenüber der Gegenwartskunst konnte (Gottfried Böhms Erfrischungstempelchen im Hof zum Trotz) kaum rigoroser offenbart werden.

Aber die Vergangenheitsseligkeit, die nach den Missetaten schlechter Architekten und nach den Kriegszerstörungen und den Nachkriegsverwüstungen so ungestüm wie lange nicht wuchert, gebiert längst Bastarde. Hannover ließ eine Weserrenaissance-Fassade nachmachen und einem Neubau vorblenden. Frankfurt am Main biederte sich mit einer pseudohistorischen Häuserzeile an. West-Berlin ließ Kioske aufstellen, die einen Entwurf Alfred Grenanders sentimental ausbeuten. Heidelberg baut seiner Stadtverwaltung ein plumpes Haus „im Stil“ von irgendwie, und Ost-Berlin läßt Wohnhäuser in biedermeierischem Stil mit Stahlskelett und Beton aufführen, als sei das die einzige Möglichkeit, auf Fassaden wieder Licht und Schatten spielen zu lassen.

Und nun ist dort, im friderizianischen Zentrum der alten Hauptstadt, eine Parallele zu einer anderen Frankfurter Tat zu besichtigen. In der Mainstadt haben Bürger die Ruine ihrer Alten Oper in eine Musikhalle verwandelt – aber in der Art unserer Zeit. Die Deutsche Demokratische Republik hat mit äußerster Anstrengung das Schinkelsche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, der seit 1950 Platz der Akademie heißt, als Konzerthaus wiederaufgebaut – aber innen als Nachahmung. Sie riskierte den Widerspruch: Alles im Innern ist – frei nach Schinkel oder, wie die Architekten glauben, „in Schinkels Geist“ – neu erfunden, nachempfunden. Jede Spur ist verwischt worden, die hätte verraten können, daß es nicht von Schinkel ist.

Ehrfurcht vor dem Genie Schinkel? Mißtrauen gegen die eigene architektonische Gestaltungskraft? Oder die Spekulation, daß nachgemachter Klassizismus den Beifall der Bürger weit eher wecke als alles Moderne? Sicher ist, daß sich die Ost-Berliner Architekten in der Rolle von gestern sehr gefielen. Die Täuschung ist ihnen meisterhaft geglückt, eine staunenswerte Leistung – und jeder Blick beweist es, daß die Handwerkskunst der Alten nirgendwo so präzise wiedergelernt worden ist wie in der DDR. Sobald man das Haus unter der Säulenvorhalle betreten hat, glaubt man sich in Schinkels Armen – und liegt doch nur an Manfred Prassers Brust. Der Komplexarchitekt Prasser hat – als Mitglied der „Aufbauleitüng Sondervorhaben Berlin“ – mit Vergnügen Schinkel gespielt, als er mit gespenstischer Perfektion die Interieurs zeichnete. Alle, die die Bilder vom alten Gebäude nicht kennen, werden glauben, das sei immer schon so gewesen. Am 1. Oktober ist das wieder errichtete, nun zum Konzerthaus gemachte Schauspielhaus eröffnet worden – rechtzeitig zum 35. Geburtstag der Republik, pünktlich am „Weltmusiktag“. Der ganze Partei-Staat war zugegen. Peter Schreier hielt eine devote, gottlob die einzige Ansprache.

Das Schauspielhaus ist wie die Neue Wache Unter den Linden, die, nach der alten Schloßbrücke, ihren Figurenschmuck gerade wiederbekommen hat, und wie das Alte Museum am Lustgarten ein populäres Bauwerk des preußischen Architekten. Es steht auf einem der schönsten Architekturplätze der Welt, auf dem Platz der Akademie, die hier ihr Haus hat. Er nimmt drei Straßenblöcke ein. Auf dem nördlichen war 1705 die Französische Kirche für die nach Berlin geflohenen Hugenotten gebaut worden, 1708 auf dem südlichen Teil die Neue Kirche, die man bald die Deutsche genannt hat, für die wachsende Bevölkerung der Friedrichstadt. Der Alte Fritz hatte das Platzensemble ringsum einheitlich mit dreistöckigen Häusern einfassen lassen und schließlich den Architekten Carl Gontard beauftragt, den beiden beschaulich-schönen Kirchen mächtige Turmbauten vor die Nase zu setzen. Er hatte ein Faible für ihre repräsentative Wirkung. Beide Türme sind gleich, Deide haben mit den beiden, hochmütig überragten Kirchen nichts zu tun.