Von Hans-Peter Riese

Vorsicht ist geboten – schon seit langem. Im Katalog der Ausstellung „Zeitgeist“, die 1982 in Berlin stattfand, war bereits eine deutliche Warnung zu lesen. „Das Leben ist wirklich ernst. Genügt es nicht, dies ohne Hintergedanken für ein paar tausend Mark zu verkünden? Es genügt. Wer das verkennt, lebt auf dem Ast, der abstirbt. Er ist ein Intellektueller, er hat sein Teil gehabt.“

Der Zeitgeist, der seitdem immer wieder auf der zeitgenössischen Kunstszene beschworen wird, ohne daß man seiner wirklich ansichtig geworden wäre, hat uns gleichwohl zu einer neuen Erfahrung verholfen. Überall in den Ateliers, den Museen und Galerien und nicht zuletzt in den internationalen Kunstzeitschriften ist von einer „Neuen Malerei“ die Rede, der von der „documenta“ in Kassel bis zur Düsseldorfer Ausstellung „von hier aus“ spektakuläre Inszenierungen gewidmet werden. So viele dieser Monsterschauen man auch hinter sich gebracht hat, so will es doch nicht gelingen, den angeblichen Zeitgeist in dieser Malerei zu finden.

Dies ist um so erstaunlicher, als es zu den wenigen Charakteristika dieser Kunst gehört, daß sie gleichsam im Kollektiv auftritt. Ihr internationales Renommee verdankt sie nicht herausragenden Einzelleistungen oder genialen Einzelgängern, sondern einem diffusen Erscheinungsbild, das von den großen Übersichtsausstellungen geprägt wird. Wir haben es mit dem Phänomen zu tun, daß nicht mehr der einzelne Künstler eine Bewegung oder einen Stil hervorbringt und unverwechselbar wie Picasso und Braque den Kubismus, Mondrian und Malewitsch den Konstruktivismus, sondern daß ein breiter Strom, dessen Quelle ebenso im Ungewissen zu liegen scheint wie seine Mündung, sich in der unvorhersehbaren Zukunft verliert, Künstler wie Phantome auftauchen und deren Werke für die Bewegung insgesamt in Anspruch genommen werden.

Immerhin lassen sich bei den Künstlern der älteren Generation, bei Baselitz, Kiefer, Richter und Polke, noch Entwicklungen ausmachen, Vorbilder erkennen. Die jüngeren dagegen scheinen buchstäblich aus der Anonymität der Akademien direkt in das Rampenlicht einer internationalen Kunstöffentlichkeit getreten zu sein. Aber Vorsicht, vielleicht gehört diese Betrachtungsweise auch zum Habitus jenes „Intellektuellen“, der sein Teil gehabt hat. Es erscheint also angezeigt, sich diesen Malern unvoreingenommen zu nähern, peinlich darauf bedacht, den Ballast der Kunstgeschichte und der ästhetischen Theorie nicht zu Scheuklappen werden zu lassen, die den Blick auf das Neue verdunkeln.

Jiri Dokoupil, der seinem tschechischen Vornamen die deutsche Übersetzung Georg angehängt hat, ist dreißig Jahre alt. Der Katalog seiner vom Essener Folkwang-Museum für drei weitere renommierte Institute in Holland, der Schweiz und Frankreich zusammengestellten Retrospektive verzeichnet im Jahre 1982 die erste Einzelausstellung überhaupt. Bereits 1982 nimmt Dokoupil an der Biennale Venedig, der „documenta“ und an der Ausstellung „Zeitgeist“ teil. Die künstlerische Karriere des vor sechzehn Jahren mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei geflohenen Jiri Georg Dokoupil begann mit der Gründung der Ateliergemeinschaft „Mühlheimer Freiheit im Frühjahr 1980, an der die Maler Hans-Peter Adamski, Peter Bömmels, Walter Dahn, Gerhard Kever und Gerhard Naschberger beteiligt waren und die heute bereits einen „legendären“ Ruf besitzt.

Fast als schriebe er über die berühmte Wiege des Kubismus, das Bateau-Lavoir in Paris, charakterisiert der Ausstellungsleiter des Museums Folkwang, Zdenek Felix, diese Aufbruchstimmung: „Das Feld der Malerei formte die Gruppe zum Exerzierplatz der möglichen Malstile und Motive um: alles war möglich, alles gleichzeitig verfügbar! Gerade diese ‚Meta-Ästhetik‘ der Streuung und Oszillation jedoch führte zum Entstehen von intensiven ‚Gegenwartsbildern‘, die, so läßt sich voraussehen, den Beginn einer neuen Ikonographie einleiten.“