Oberstdorf

Bürgermeister Geyer läßt seinen Blick wohlgefällig auf dem Schreibtisch ruhen, der dicht bestreut ist mit Akten, Briefen, Vorlagen. „Sie sehen“, sagt Geyer, die Arme ausbreitend, „hier wird gearbeitet.“

Der 48jährige Eduard F. Geyer ist seit elf Jahren erster Mann in der Marktgemeinde Oberstdorf im Allgäu. Stolz rühmt er die eigenen „außergewöhnlichen Leistungen“ und „Gewaltakte“ im Dienst der reichen Fremdenverkehrskommune. 12 000 Einwohner hat Oberstdorf, 16 000 Betten, über zwei Millionen Übernachtungen jährlich. „Ich habe“, sagt Geyer schneidig, „die geplante Autobahn hinausgeschmissen, die Stromleitungen aus unserem schönen Tal hinausgeschmissen, die Zweitwohner rausgeschmissen.“

Der Bürgermeister Geyer sieht sich als „atypischen“ Gemeindechef. Dies schon deshalb, weil er zwar Mitglied der Mehrheitspartei CSU ist, aber als Kandidat der „Freien Wähler“ gegen die Christsozialen das Amt eroberte (und ein vom heutigen Bonner Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle betriebenes Parteiausschlußverfahren nur mit knapper Not überstand). Atypisch auch deshalb, weil er sein mit 8000 Mark brutto im Monat dotiertes Amt nicht bayerisch-behäbig ausübt, sondern „managementmäßig“. Seine Verwaltung (318 Bedienstete) bezeichnet er gern als „Betrieb“ und „keine Angst, was so ein Betrieb verträgt“, das wisse er schon, sagt Herr Geyer.

In jüngster Zeit mußte der „Betrieb“ einiges verkraften. Mehrere Affären und Affärchen brachten Oberstdorf ins Gerede.

Des Bürgermeisters eigene Affäre zog sich über zwei Jahre hin. Geyer hatte 1982 vom 24köpfigen Gemeinderat – ganz ohne sein Zutun natürlich, dies würde schon die Gemeindeordnung nicht zulassen – für 112 nicht beanspruchte Urlaubstage aus vier Jahren einen Ausgleich von 33 000 Mark zugesprochen bekommen – in Geyers Augen eine „eklatante Ehrung“ für sein unermüdliches Schaffen, nach Auffassung des bayerischen Innenministeriums jedoch mit dem Beamtenrecht nicht zu vereinbaren. Der Bürgermeister mußte das schon ausgezahlte Geld – etwa 20 000 Mark – in Monatsraten zu 500 Mark wieder abstottern.

Die Hälfte hatte er zurückerstattet, da ereignete sich vor einigen Wochen „das kleine Wunder“ (Geyer): Der Gemeinderat entschied, dem Bürgermeister die Restzahlung zu erlassen. Der Beschluß wurde in der Urlaubszeit gefaßt und spät nachts – die Abstimmung stand unter „Verschiedenes“ als letzter Punkt auf dem Programm, das Ortsparlament war dezimiert, nur des Bürgermeisters eigene Leute von der freien Wählergemeinschaft mit sieben Mann fast vollzählig. So reichte es zu einer knappen 9:8 Mehrheit.