Von Friedhelm Mühleib

Wieviel Gift unsere Nahrung enthält, vermag niemand genau zu sagen. Fest steht nur, daß derzeit das Verhältnis zwischen Befürwortern und Gegnern des ökologischen Landbaus weit verseuchter ist als jedes Nahrungsmittel. Was da an rhetorisch-publizistischem Gift verspritzt wird, gefährdet weniger die Gesundheit als das Urteil der Verbraucher.

Nachdem Bücher wie „Chemie in Lebensmitteln“ oder „Iß und stirb“ den Verbraucherzweifel am Gesundheitswert unserer Nahrung kräftig genährt hatten, holten die konventionell – also mit Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln – arbeitenden Landwirte im letzten Jahr zum Gegenschlag aus. Im Frühjahr 1983 ließ der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde verkünden: noch nie seien unsere Lebensmittel so gesund und sicher gewesen wie heute.

Die große Herbstoffensive folgte auf dem Fuß. Der Verband Deutscher Landwirtschaftlicher Untersuchungs- und Forschungsanstalten (VDLUFA) veröffentlichte die Ergebnisse einer dreijährigen Vergleichsuntersuchung an Gemüse, Obst und Brot aus „modernem“ und „alternativem“ Warenangebot. Nach der Untersuchung von 720 Proben in 39 000 Einzeluntersuchungen auf Rückstände von 45 Pflanzenschutzmitteln, auf Cadmium, Quecksilber, Aflatoxin, polychlorierte Biphenyle (PCBs), Nitrate und auf 13 wertgebende Inhaltsstoffe stand für die Speyrer LUFA-Leute fest: „Zwischen den Lebensmitteln aus modernem und alternativem Angebot sind keine wesentlichen Qualitätsunterschiede nachweisbar: keine Unterschiede im Gehalt an Pflanzenschutzmittel-Rückständen, keine Unterschiede im Gehalt an Schadstoffen, keine Unterschiede im Gehalt an Nitrat und an wertgebenden Inhaltsstoffen, keine Unterschiede im Geruch und Geschmack.“ Die Schadstoffmengen seien so gering, wird gefolgert, daß eine Gefährdung der menschlichen Gesundheit ausgeschlossen werden könne.

Bereits ein Jahr zuvor war Professor Hans Jürgen Stan von der Technischen Universität Berlin im Auftrag des Spiegel zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Im Gegensatz zur LUFA schränkte Stan ein: „Die mittlere Kontamination liegt... bei den im üblichen Anbau gewonnenen Produkten bezüglich der Pflanzenschutzmittel deutlich höher als bei biodynamisch erzeugte Lebensmitteln – die aber entgegen der Erwartung ebenfalls Rückstände enthalten können.“

Nachdem die frohe Botschaft der LUFAs verunsicherte Verbraucher wieder aufgebügelt hatte, brachten drei ökologisch orientierte Vereinigungen herbe Kritik an. In einer gemeinsamen Stellungnahme warfen die „Gruppe Ökologie“, die Stiftung ökologischer Lanabau und der Lehrstuhl „Methoden des alternativen Landbaus“ der Gesamthochschule Kassel ihren Kontrahenten Meinungsmache vor. Ihre wichtigsten Vorwürfe:

  • Die Probenahme erfolgte aus dem Angebot der Lebensmittel im Einzelhandel, nicht etwa am Anbauort. „Ein Teil der Produkte“, heißt es in der LUFA-Studie, „enthielt keine Angaben über Erzeuger oder Vertriebsgesellschaft.“ So wurden zwangsläufig Waren des unkontrollierten Bio-Marktes erfaßt – ein Markt, der auch Waren zweifelhafter Herkunft aufnimmt. Die Tester prüften derart ominöse Waren, jedoch kein einziges Produkt von Bioland, der mit 700 Mitgliedsbetrieben größten deutschen Öko-Landbau-Organisation. Und die LUFA-Leute erwähnten mit keinem Wort, daß ein guter Teil der untersuchten „alternativen“ Produkte wahrscheinlich gar nicht aus alternativem Anbau stammt. Daraus leiten die Alternativen ihren Hauptvorwurf ab: Die Studie (oder zumindest deren publizistische Vermarktung) diffamiert den ökologischen Anbau, obwohl sie nur Aussagen über das geprüfte Angebot machen konnte.
  • Wenn in den alternativen Produkten nicht weniger Umweltchemikalien als in den konventionellen gefunden werden, braucht das niemand zu verwundern. Schwermetalle und langlebige Chemikalien wie die PCBs erreichen über Luft, Boden und Wasser selbst industrieferne, vermeintlich saubere Acker. Doch die LUFA-Autoren verlieren darüber, daß diese Belastung nichts mit dem Öko-Anbau selbst zu tun hat, kein Wort.
  • Die Meßwerte weisen insgesamt eine große Streubreite auf, während Unterschiede im Schadstoffgehalt bei „alternativen“ und „modernen“ Produkten, etwa beim Nitrat, nicht erscheinen. Dies geht nicht zuletzt darauf zurück, daß der Studie ein „faktorieller Versuchsplan“ fehlt, mit dem Standort, Reifegrad und Jahreszeit der Feld- und Gartenfrüchte wertend in den Probenplan einbezogen werden können.
  • Produkte aus alternativem Anbau enthalten unter Umständen auch deswegen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, weil keiner den Wind, der das Gift vom konventionell bestellten Nachbarfeld herübertreibt, abstellen kann, oder weil das Getreide in Lagerbehältern mit Vorratsschutzmitteln in Kontakt kommt. Auch darauf gibt die Studie keinen Hinweis.
  • Interessanterweise wurden nur pflanzliche Lebensmittel untersucht. Bei ihnen ist die Belastung mit Schadstoffen und Rückständen in der Regel geringer als bei tierischen Lebensmitteln.
  • Schließlich führen die LUFA-Kritiker ein grundsätzliches Argument an: Die Produzenten alternativer Nahrungsmittel können und wollen keine Garantie für Rückstandsfreiheit, wohl aber für den „ökologischen Anbau“ geben. Mit der Forderung nach Rückstandsfreiheit jedoch wollten Industrie, Verbände und staatliche Stellen den Alternativen eine unerfüllbare Bedingung aufzwingen, um sie dann an deren Nichterfüllung zu messen und anzuprangern.