Massenmedien gelten der älteren Publizistik- und Zeitungswissenschaft wie der modernen Kommunikationsforschung als öffentlich wirksame gesellschaftliche Einrichtungen, die ein „disperses Publikum“ erreichen. Es handelt sich damit um Einrichtungen in einer Gesellschaft wie Zeitungen, Radio und Fernsehen, die auf Grund ihrer breiten Wirkungsmöglichkeit in jeder Gesellschaft und für jede Gesellschaft wichtig, ja notwendig, weil unersetzbar sind. Das gilt auch für die Gesellschaft Deutsche Demokratische Republik mit ihren Hauptmedien Fernsehen, Zeitung und Rundfunk. Das gilt aber auch in der DDR für ein dort noch immer real-existierendes Massenmedium, nämlich Groschenhefte und Heftreihenliteratur. Kioske verkaufen heute eher mehr als weniger als eine halbe Million billige Hefte pro Monat. Unterstellt man, diese Hefte würden jeweils von zwei DDR-Bürgern auch gelesen – dann mag, mehr oder weniger regelmäßig, wohl derzeit vielleicht jeder zwölfte erwachsene Bürger der DDR – Groschenhefte lesen. So betrachtet, beschäftigt sich die Studie von

Anita M. Mallinckrodt: „Das kleine Massenmedium. Soziale Funktion und politische Rolle der Heftreihenliteratur in der DDR“; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1984; 324 S., 32,– DM

sicherlich mit einem DDR-Massenmedium. Die Autorin nennt es „das kleine Massenmedium“ – und sie legt die erste größere wissenschaftliche Studie zur DDR-Heftreihenliteratur vor.

Erklärtes Erkenntnisziel der amerikanischen Germanistin Anita Mallinckrodt ist dabei die Herausfilterung „einiger Aspekte der DDR-Gesellschaft“ gerade für „Nicht-DDR-Leser“. Die Leitfrage der Autorin lautet: „Was kennzeichnet die Heftreihenliteratur in der DDR und was offenbart sie uns über die Gesellschaft der DDR.“ Herauskommt ein empirisch und dokumentarisch wohl abgesichertes Bild einer DDR-Literatur, ihrer gesellschaftlichen und politischen Rolle, die unterhalb der mittleren Alltagsprosa angesiedelt ist.

Die „offene Frage“ dieser besonderen DDR-Literatur – die auch DDR-Intellektuelle, sofern sie sie überhaupt zur Kenntnis nehmen, nicht selten belächeln – lautet: in welchem Ausmaß werden Wertvorstellungen und Normen des Sozialismus in der DDR-Heftreihenliteratur transportiert und vermittelt. Mallinckrodt geht sie mit einer gleichermaßen systematischen wie kritischen Untersuchung von fünf DDR-Heftreihen an. Dies sind zugleich jene Groschenhefte, die die höchsten Auflagen erzielen; Blaulicht: die Krimiserie des Verlags Neues Berlin – Das Neue Abenteuer – aus dem Verlag Neues Leben; Tatsachen, Erzählerreihe und Meridian aus dem Militärverlag der DDR... Reihen, die nicht wegen des Profits, sondern die wegen der Unterhaltung und Belehrung vieler Leser produziert und zum Teil durchaus von „namhaften“ DDR-Autoren geschrieben werden (Erich Loest zum Beispiel schrieb als Hans Walldorf zahlreiche DDR-Krimireißer).

Das erste – freilich keineswegs erstaunliche – Ergebnis von Mallinckrodts Studie: die DDR-Heftreihenliteratur ist „bedeutender, wenn nicht zentraler Teil des Prozesses der politischen Sozialisation der DDR geworden“ – und zwar ganz unabhängig, ob es sich um „Polithistorie-Geschichten“, „Abenteuergeschichten“, „dokumentarische Reportagen“, Krimis oder was immer zwischen die Heftumschläge der fünf untersuchten Reihen kommt, handelt.

Auf ihre Leitfrage gibt uns die Autorin diese „soziopolitische Antwort“: „der Sozialismus als sozioökonomisches und politisches System mit seinen ideologischen Orientierungen“ gilt ihr als „konzeptioneller Strom“, der alle eingehend untersuchten 59 Hefte genannter fünf Reinen durchflutet. Diese Ausrichtung der DDR-Groschenhefte heißt weiter, daß hier als positive Leitbilder vor allem Personen „mit Werten und Normen auftreten, die als bedeutend für die ‚sozialistische Persönlichkeit‘ angesehen werden“ und daß diese realsozialistischen Handlungsträger der Heftreihenliteratur „größtenteils offizielle und/oder vorherrschende soziopolitische Werte der Gesellschaft“ ideell verkörpern.