Schiff der Träume“ ist ein ziemlich unglücklicher deutscher Titel für Federico Fellinis neuen Film. Er schmeckt zu sehr nach „Traumfabrik“ und gibt nichts wieder von dem gelungenen italienischen Titel „E la nave va“, „Das Schiff zieht dahin“, in dem die melancholische Gelassenheit dieses heiter-ironischen Spätwerks zum Ausdruck kommt.

Jeder weiß, wie Fellini-Filme aussehen. Kuriose Leute, lustige und traurige, jämmerliche und tragische, bei aller Karikaturhaftigkeit doch liebenswerte Originale bevölkern kunstvolle Szenerien, die von Einfällen, optischer Delikatesse und Bildwitz strotzen. Alles ist hochstilisiert. Gegen Fellinis groteske Menschenfauna wirkt die Typengalerie des „Zauberbergs“, wie sie gerade bei Geissendörfer zu sehen war, konventionell.

Aber Fellinis Verliebtheit in seine ureigene phantastische Welt und in sein exzentrisches Personal gefährdet seit langem jedes seiner mächtigen Bildwerke. Es ist im Grunde immer wieder der gleiche Film, seit er vom Realismus Abschied genommen hat und sich von der Phantasie die Zügel aus der Hand nehmen ließ. Das Kichern, Lachen und Entzücken, das er hervorruft, droht häufig im Gähnen, im Gefühl des déjà vu zu ersticken.

Das Schiff, der italienische Luxusdampfer „Gloria N.“ – ein fabelhaftes Kulissengeschöpf aus den römischen Cinecittà-Studios –, ist ein übers Mittelmeer treibendes Zauberberg-Sanatorium, in dem gesungen statt gehustet wird. Der Dampfer fährt mit einer schillernden Ladung, die aus aufgetakelten Opernstars und anderen mondänen Musikverzückten besteht, ins Nichts, in den Untergang: Ein schwimmendes Grandhotel am Abgrund, ein Zauberschiff auf Todeskurs.

Im Sommer 1914, der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen, sticht die „Gloria N.“ in See und wird nach fünftägiger Reise von einem K. und k.-Panzerkreuzer versenkt. Ziel der Fahrt ist eine Art Leichen-, begängnis: die auf dem Dampfer versammelte internationale Musik-Hautevolee will ihrer Göttin, einer Primadonna assoluta, die letzte Ehre erweisen, die Asche der Toten dem Meer übergeben. Dann landet die Sänger- und Musiker-Gesellschaft selber im Meer, doch sie wird, wie der durch den Film führende Erzähler versichert, größtenteils aufgefischt.

Das Ende will trotz des Kanonendonners versöhnlich sein: Man ist noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Die „Gloria N.“ ist keine Titanic, sondern eben ein Fellinischer Musikdampfer.

Der Film hebt mit einer raffinierten, kunstfertigen Ouvertüre an. In der Caruso-Stadt Neapel geht die Musikwelt an Bord der „Gloria N.“, und Fellini läßt uns deren Aufmarsch und die ersten Auftritte der Primadonnen und Sangesathleten, der Maestros und Virtuosen erleben, als sähen wir alte Wochenschauen, als würden vergilbte Photoalben filmisch aufgeblättert. Allmählich dann werden die Bilder schärfer, perfekter, nähern sich unserem Standard, Farbe kommt hinzu – und man begreift, daß uns Fellini gerafft, in einem amüsanten Schnellkursus, die handwerkliche und technische Entwicklung des Mediums Film vorgezaubert hat.