Von Hermann Bößenecker

Wilfried Oberländer sieht die Optiker schon in der Krise: „Erstmals ist nun für mittelständische Firmen eine bedrohliche Situation entstanden“, glaubt der Vorsitzende des Zentralverbands der Augenoptiker und belegt das mit überraschenden Zahlen: In den letzten fünf Jahren sei das Betriebsergebnis der deutschen Augenoptiker im Durchschnitt um 30 Prozent gesunken, 1982 seien Kleinbetriebe „ins Minus gerutscht“.

Die Frage, wie dies angesichts der meist hohen Preise in seiner Branche möglich sei, läßt der Kölner Optikermeister nicht gelten: „Ich muß bezweifeln, daß die Augenoptiker teuer sind.“

Hohe Preise der Optiker aber schrecken nicht viele Kunden, die sich nicht mit der von der Krankenkasse bezahlten Standardbrille und normalen Augengläsern begnügen wollen. Kartellämter und Kassen mißtrauen allerdings den Preisen der Branche.

In München ermittelt die Kartellabteilung des bayerischen Wirtschaftsministeriums gegen die Brillenmacher, weil sie den Verdacht hat, daß die Optiker bei der Festsetzung ihrer Entgelte gegen Recht und Gesetz verstoßen. Nicht betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte, so die Vermutung der Wettbewerbshüter, sondern Schema-Preislisten, die von Innungen und Verbänden abgestimmt werden, seien für die Preisgestaltung ausschlaggebend. In München kursieren tatsächlich Listen, die den Optikern die mühsamen Kalkulationen abnehmen – und für erkleckliche Gewinnspannen sorgen.

Da gibt es beispielsweise eine zweiseitige Kopie, angeblich der für Bayerns Metropole gültige „Kalkulator“. Auf jeder Seite stehen zwei doppelte Zahlenkolonnen, mit dem handschriftlichen Vermerk „Einkauf“ und „Verkauf“ und dem Hinweis, wie die Verkaufspreise zustande kommen: Einkaufspreis mal zwei plus 40 Mark plus 13 Prozent Mehrwertsteuer. Da diese Steuer Mitte letzten Jahres auf 14 Prozent heraufgesetzt wurde, ist die Liste jedenfalls nicht mehr ganz neu. Aus 70 Mark Einkaufspreis werden so 203 Mark Verkaufspreis; aus 100 Mark werden 271 Mark. Stolze Spannen, aber für diese Branche keineswegs ungewöhnlich.

Das Büro der Innung in Regensburg ist sogar schon durchsucht worden. Über die Funde schweigen sich die Kartellwächter bisher iedoch aus und Landesinnungsmeister Rudolf Stehle, zugleich Obermeister der Münchner Augenoptiker, wiegelte ab: „Soviel ich weiß, ist dort nichts gefunden worden.“ Auch Stehle hat „davon gehört“, daß „anonyme Listen“ kursieren; woher sie kommen, darüber könne er allenfalls „stille Vermutungen“ anstellen. Vermutungen natürlich, die die Optiker entlasten: „Irgend jemand will uns an den Wagen fahren.“