In den sozialistischen Ländern laufen die Preise den Planern davon

In den siebziger Jahren gehörte die Inflation zu den schwierigsten wirtschaftspolitischen Problemen, mit denen sich die westlichen Industrieländer herumschlagen mußten. Nachdem viele Regierungen die ständigen Preissteigerungen jahrelang allenfalls als lästige Begleiterscheinungen wirtschaftlichen Wachstums oder gar als Mittel zur Ankurbelung der Wirtschaft betrachtet hatten, änderte sich die Einstellung in den letzten Jahren. Inflation wurde plötzlich als Ursache vieler ökonomischer Fehlentwicklungen erkannt und bekämpft. Der Erfolg kann sich sehen lassen. In den meisten westlichen Industrieländern sind die Preissteigerungsraten seit Beginn der achtziger Jahre deutlich zurückgegangen.

Ganz anders in den sogenannten sozialistischen Staaten. Dort hatte man lange nach dem Grundsatz gehandelt, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. In einem System administrativ festgelegter Löhne und Preise war – zumindest theoretisch – das Problem der Inflation nicht existent.

Während die staatlichen Planer und die Ökonomen im Ostblock noch immer verbissen an dieser Theorie festhielten, hatte die Bevölkerung es schon seit langem nicht mehr nur mit einer versteckten Inflation – zum Beispiel durch schlechtere Qualität zum gleichen Preis –, sondern auch mit ganz offenen Preissteigerungen zu tun. Vor allem die Bewohner der kleineren Staaten wissen seit Beginn der achtziger Jahre, wie stark das reale Einkommen durch Inflation ausgehöhlt werden kann. Denn während im Westen die Preise wieder weitgehend unter Kontrolle gekommen sind, ging es in den Ländern des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) mit der Teuerung erst richtig los.

Die neun Millionen Bulgaren müssen heute zehn Tage für ein Damenkleid, mehr als einen Monat für einen Kassettenrecorder und drei Jahre für ein Auto wie den sowjetischen Lada arbeiten. Die magere Lohnerhöhung von drei Prozent im vergangenen Jahr konnte wenig daran ändern, daß sich die Werktätigen für ihr Geld immer weniger kaufen können. Nach einer Rekordinflation von vierzehn Prozent im Jahr 1980 und nur 0,3 Prozent im Jahr darauf schätzen Experten die durchschnittlichen Preissteigerungen 1983 auf acht Prozent.

Mehr als grobe Schätzungen sind das nicht, denn beim Umgang mit bulgarischen Statistiken ist Vorsicht geboten. Um die Höhe der Aufwendungen für Rüstungszwecke, das tatsächliche Volumen der Handelsströme innerhalb der roten Wirtschaftsgemeinschaft RGW und das ganze Ausmaß der Wirtschaftsmisere zu verschleiern, sind bulgarische, rumänische und sowjetische Zahlen hervorragend frisiert – oder einfach nicht existent.

Der unangenehme Vergleich mit dem Westen wird zudem durch unterschiedliche Berechnungsarten erschwert. Im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen verzichten die sozialistischen Statistiker bei der Addition des Nationalproduktes darauf, die Entwicklung des Transportwesens, der Lagerhaltung und des öffentlichen Kommunikationsnetzes mit einzubeziehen.