/ Von Cornelie Sonntag

Die Ankündigung seines Ausscheidens entlockte Zeitungskommentatoren Worte wehmütig-enthusiastischen Lobes. Als bekannt wurde, daß der stellvertretende Programmdirektor des ZDF Ende April kommenden Jahres den Sender verlassen werde, war flugs die Rede von einem „Schwarzen Freitag“ im ZDF-Quartier am Lerchenberg, die Anstalt verliere ihren „progressivsten Mann“, den „wichtigsten und entscheidungsfreudigsten“ Macher. Ein Blatt wurde gar pathetisch: „Unterhaltungs-Kapitän verläßt das Schiff“, notierte es, als kündige sich der Untergang an.

Solch hymnische Klänge heizen die Neugier an. Der 46jährige Peter Gerlach müßte demnach ein Wundermann sein; ein dynamischer Springinsfeld im Kreis der als schwerblütig und ideenarm verschrieenen Hierarenen des öffentlichrechtlichen Rundfunks. Und da Gerlach der SPD angehört, der man sauertöpfische Abneigung gegen leichte Fernsehkost nachsagt, feiern ihn gerade konservative Medienkritiker auch noch als exotische Ausnahme von der Regel; als jemanden, der die Spezies Unterhaltung gegen den hartnäckigen Widerstand „linker Kulturwarte“ gefördert habe.

Aber wer nun einen Tausendsassa zu treffen erwartet, eine vom Glamour des Showgeschäfts durchglühte Persönlichkeit, sieht sich getäuscht. Im Büro im 13. Stock des ZDF-Hochhauses begegnet man einem eher unauffälligen Mittvierziger mit leicht welliger Frisur und dunkelgerandeter Brille. Seine zahlreichen Auszeichnungen – darunter Goldene Kamera, Bambi, Silbernes Blatt der Dramatiker-Union und Adolf-Grimme-Preis – entdeckt man erst bei genauem Hinschauen in einer Ecke. Man kommt mit ihm mühelos ins Gespräch; er spreizt sich nicht, antwortet offen und direkt. Selbstbewußtsein läßt er schon anklingen, vermittelt den Eindruck eines Menschen, der geradlinig und enerisch seine Pläne verfolgt – doch genialisch wirkt er nicht.

Es muß mit dem gebrochenen Verhältnis der Deutschen zum Phänomen „Unterhaltung“ zu tun haben, daß sie die wenigen, die damit nicht als Ausübende, sondern als Förderer und Anschieber umgehen, gleichsam aufs Podest heben. nicht Gerlach ist nun schon seit 1981 nicht mehr Leiter der Hauptredaktion Unterhaltung beim ZDF, sondern Chef der „Zentralstelle für die Zusammenarbeit mit Dritten im Programmbereich“, seit April 1982 stellvertretender Programmdirektor. Aber der Ruf des Experten der leichten Bildschirm-Muse haftet ihm an, und er nimmt es hin mit amüsiertem Achselzucken. „Zusammenarbeit mit Dritten“, das ist Gerlachs ureigenes Rezept gegen die Ausbeutung öffentlich-rechtlicher Show-Produktionen durch private Nutznießer. Er entwickelte dieses System der „Kooperation zwecks Randnutzung des Programms“, wie er es nennt, um die Mitte der siebziger Jahre – „weil ich mich geärgert habe. Wir waren ziemlich erfolgreich in der großen musikalischen Unterhaltung. Aber immer dann, wenn wir eine Show produzierten, versuchte eine Schallplattengesellschaft, daran zu partizipieren. Sie machte etwa einen Tonträger dazu und warb mit unserem Titel“.

Wenn andere schon abkupferten, so fand Gerlach, sei es nur billig, im vorhinein Absprachen mit anderen Medienpartnern zu treffen und so die Produktionskosten aufzuteilen. Das funktionierte alsbald nicht nur mit Schallplattengesellschaften, sondern auch mit anderen Rundfunkanstalten im In- und Ausland. Von da an galt er in Branchenkreisen als „der Mann, der dem ZDF die Millionen brachte“.