Von Nicolaus Sombart

Die Gründung des Bismarckschen Reiches war im Spektrum aller denkbaren Entwicklungsvarianten des deutschen Nationalschicksals im 19. Jahrhundert sicherlich die allerschlechteste. Gemeint ist hier die Entwicklung, die das in Mitteleuropa angesiedelte deutsche Sprachvolk mit der ihm eigenen Tradition und Geschichte im Zeitalter der Moderne, also im Zeitalter der durch die Industrialisierung unausweichlich werdenden Veränderung sozialer und ökonomischer Strukturen, nehmen konnte. Es war vielleicht, weil es diesen Mann Bismarck gegeben hatte, der es so wollte, die einzig mögliche, aber was ihre Methoden und das Ergebnis betraf, die unheilvollste Lösung.

Die Gründung des Zweiten Reiches 1871 war ein Gewaltakt, der gegen die Tendenzen der Zeit durchgesetzt wurde, unter Mißbrauch der beiden fruchtbaren Ideen, in denen diese Tendenzen im Bewußtsein der Völker Europas ihren Ausdruck fanden: der demokratischen und der nationalen.

Die nationale Idee wurde zugunsten eines „Staates“ konfisziert, dessen einziger Sinn die Perpetuierung seiner Macht, seiner Selbsterhaltung als staatliches Machtgebilde, als „Machtstaat“ war. Die zu seiner Erhaltung ständig notwendige Ausübung von „Gewalt, die Gewalt erzeugt“ –, das „Gewaltpragma“ (Max Weber) – Repression nach innen, Drongebaren nach außen – war seine einzige „raison d’être“, die „Staatsraison“ des Deutschen Reiches. Als Machtstaat war dieses Reich aber gerade kein Nationalstaat. Man muß sich daran erinnern, daß die nationale Idee nicht im Sinne des Machtstaates „staatsbezogen“ war. Anderseits war die Idee des „Staates“, wie sie in Preußen idealtypisch verwirklicht wurde, eben nicht national: Zur Genese des preußischen Staates gehört wesentlich der Zwang, das national Disparate (ethnisch, konfessionell, geographisch) in einem politischen Verband zusammenzufassen.

Der Legitimationszwang, unter dem sich der neugegründete mitteleuropäische Gewaltstaat befand, führte zur Appropriation eines deutschen Nationalbewußtseins, gegen das er (als kleindeutsch-preußisch-militaristische „Lösung“) gerichtet war. Er beruhte auf einer Mißachtung des Nationalbewußtseins, das er für seine, den nationalen Aspirationen konträren Zwecke mißbrauchte.

Denn die nationale Idee – so wie sie mit der Französischen Revolution geboren wurde und sich überall in Europa, auch in Deutschland, durchgesetzt hatte – war politisch mit der Idee der Demokratie verbunden. Demokratie zunächst einmal, generell verstanden, als Überwindung feudaler und monarchisch-dynastischer Herrschaftsformen, als Überwindung von „Staatlichkeit“ im Sinne des „Machtstaates“, der autoritären, obrigkeitlichen, hierarchischen Herrschaftsordnung; sodann als fortschreitende Demokratisierung, das heißt: der Bürger soll an der politischen Willensbildung durch demokratische Institutionen (Parlament, Wahlrecht, konstitutionelle Regierungsformen) teilhaben. Der „Patriot“ war kein „Nationalist“ (im Sinne eines nationalstaatlichen Chauvinismus), sondern „Citoyen“ einer universellen Völkergemeinschaft.

Der Reichstag hätte vielleicht die Institution werden können, in der sich der Demokratisierungsprozeß im Innern des Deutschen Reiches organisierte. Mit dieser Hoffnung wurden die deutschen Nationalliberalen geködert und betrogen. Wir wissen, daß der Reichstag nicht in demokratischer Absicht geschaffen wurde, vielmehr mit dem Ziel, die Mitbestimmungswünsche der deutschen Patrioten abzufangen und in die Botmäßigkeit des ihnen entgegengesetzten etatistisch-monarchischen Ordnungskonzeptes zu stellen. Diese Konfiskation der nationalen und demokratischen Ideen verfälschte von Anfang an die Bedingungen, unter denen sich das neue politische Gebilde in seinem Selbstverständnis und gegenüber der übrigen Kulturwelt zu behaupten hatte.