Goethe und frisch gepreßtes Autoblech – unser größter deutscher Dichter ist eben für alles gut. Seine Ballade von der todbringenden Gestalt (Wer reitet so spät...?) hat in den fünfziger Jahren die Bezeichnung „Erlkönig“ für Prototypen geprägt, die die Autoproduzenten auf heimliche Testfahrt entsenden. Seither sind Nacht und Wind und Nebel zuverlässige Verbündete, denn die naturgegebenen Mittel trüben zumindest das Auge des Laien, der seine Chance zum Sensations- und Enthüllungsphoto gar nicht erst erkennt.

Wie rasch das kleine Einmaleins vom Täuschen und Tarnen versagt, wenn ihnen ein professioneller Erlkönigjäger auf die Reifenspuren kommt, müssen Autohersteller immer wieder schmerzlich erfahren. Schon mancher heimlich eingefangene Prototyp hat Schlagzeilen gemacht, weil er ein sensationelles Konzept verriet. Und mancher Autoriese hat seine Pläne aus der Schublade in den Reißwolf gesteckt, weil die Erlkönig-Realität Ideen überholte.

Der Presse sind die Blatt-Schüsse der kleinen Zunft der hartnäckigen Werksspione sehr willkommen. Eingedenk dramatischer Umstände, unter denen ein Bild zustande kam, wird Unschärfe in Kauf genommen, verleiht sie dem lichtbildnerischen Beitrag doch einen Hauch von Authentizität. Schärfe haben eher die vierstelligen Honorarforderungen, doch sind die Rechnungen der Erlkönigjäger lange nicht so gepfeffert wie die manchmal sogar sechsstelligen Prämien, die die Auto-Bosse ihren Versuchsmannschaften in die Hand blättern: hoher Lohn dafür, daß sie ihre Testfahrzeuge über Werksgelände und öffentliche Straßen jagen, ohne bis zum offiziellen Vorstellungstermin enttarnt zu werden. Zäune um Versuchsgelände erweisen sich mitunter als zu niedrig und mancher Werkschutz als zu unaufmerksam.

Einsteigen ist illegal, doch hier ist nun mal Erlkönigjägers Jagdrevier. So werden Prototypen in die Wüste geschickt, in die Sahara und ins kalifornische Todestal, wo sie Hitzequalen leiden. Oder über den Nordpolarkreis, der genauere Testerkenntnisse verspricht als jede deutsche Kältekammer – und eine Unzahl von Verstecken. Diese unwirtlichen Zonen gerade sind stärkste Herausforderung, sie verheißen Trophäen dem, der das Hirn hat eines Hercules Poirot, das Herz eines Stuntman und den Hintern eines mongolischen Reiters: kombinieren, auf dem Sprung sein, Sitzfleisch zeigen. Und in der entscheidenden Sekunde zum Photo-Schuß kommen. Waidmannsheil!

Wir Autonarren nehmen ihnen die Bilderbeute begierig ab, allzu selbstverständlich oft. Wir sind ihnen etwas schuldig – mit einem Wort: Waidmannsdank!

Hans Schiemann