Ein Jahr nach dem von Nordkorea gesteuerten Mordanschlag auf das südkoreanische Kabinett zeigen sich die nordkoreanischen Kommunisten konziliant und gesprächsbereit.

Den nordkoreanischen Rotkreuzvertretern schien keine Mühe zu groß, den Süden zu beeindrucken. Als ein Frachter aus dem Reich Kim II Sungs mit der als Katastrophenhilfe für die Opfer einer großen Überschwemmung gedachten Ladung Beton auf Grund lief, beeilten sich die Nordkoreaner schnellstens um Ersatz. Der südkoreanischen Regierung war die plötzliche Nettigkeit der kommunistischen Erzfeinde nicht geheuer. Im nordkoreanischen Fernsehen war die Verabschiedung der Hilfstruppen durch eine jubelnde Volksmasse zu sehen gewesen: Es sah aus, als habe soeben die Invasion begonnen.

Obwohl die Entladung der 1400 Lastwagen am Grenzort Panmunjon und das Löschen der 100 000 Tonnen Zement in den südkoreanischen Häfen Inchon und Pukpyong wie am Schnürchen klappte, war von Versöhnung herzlich wenig zu spüren. Die Nordkoreaner akzeptierten zwar artig die als Gegengeschenke gedachten 1600 Köfferchen mit Kassettenrecordern, Quarzuhren und Büstenhaltern, ließen sich auch nach langem Zögern zu einem unprogrammgemäßen Mittagsmahl bitten, aber die Einladung an Offizielle und Presse zum Besuch der südkoreanischen Hauptstadt schlugen sie aus.

Das war auch besser so. Denn in Seoul ließ Südkoreas Präsident Chun gerade das Militär seinen Geburtstag mit einer Mammutshow und beispiellosen Demonstrationen der Stärke feiern. Der ehemalige Fallschirmjägergeneral erinnerte sein Volk an die Missetaten der Kommunisten: „Wir hoffen ernstlich, daß sich hinter dem jüngsten Lächeln des Nordens nicht wieder ein hinterhältiger Plan verbirgt“, so versuchte Chun seinem norakoreanischen Gegenüber Kim II Sung die Rolle des Wohltäters abzusprechen. Seit den nordkoreanischen Vorschlägen einer Wiedervereinigungskonferenz wenige Wochen vor der Invasion von 1950, habe Pyöngyang stets seinen aggressiven Aktionen eine Periode scheinbaren Tauwetters vorangestellt. Die Rezeptur Chuns: Nur eine Politik der Stärke, könnte den lauernden Norden an den Verhandlungstisch bringen.

Während die letzten Zementsäcke gelöscht wurden, ließ Chun den nach der Überlieferung 4316. Reichsgründungstag Koreas mit einem Pomp begehen, den die Korea Times schlicht „ohne Beispiel“ fand. Einen Tag später war die Welt wieder im Lot: Südkoreas Presse konnte die Veröffentlichung des Untersuchungsberichts der burmesischen Regierung über den Bombenanschlag auf das südkoreanische Kabinett in Rangun zum Anlaß nehmen, wie gewohnt den Norden als Heimstatt allen Übels anzuprangern.

Dennoch ist Bewegung in die verhärteten Fronten am Bambusvorhang zwischen Nord- und Südkorea gekommen. Schon werden die im Frühjahr über protokollarische Fragen zu Fall gekommenen Gespräche der olympischen Komitees beider Staaten über die Bildung einer gemeinsamen Mannschaft bei internationalen Sportereignissen fortgesetzt. Präsident Chun fühlte sich bei der Abfeier seines Reichsgründungstages bemüßigt, über dieses Kunstprodukt hinaus „die gemeinsamen Wurzeln des geteilten Volkes“ zu zitieren. Im April dieses Jahres hatte der amerikanische Außenminister Shultz den Nordkoreanern mitgeteilt, er befürworte „vertrauensbildende Maßnahmen“ zwischen den beiden koreanischen Staaten wie den Austausch von Manöverbeobachtern; Ronald Reagan nannte gar vor wenigen Wochen in seiner UN-Rede solche Maßnahmen „einen wichtigen ersten Schritt auf dem Weg zu einer längerfristigen friedlichen Wiedervereinigung“.

Auf diese überraschenden Worte hat Pyöngyang mit der erstmaligen Entsendung des Politbüromitglieds und Außenministers Kim Yong Narr nach New York reagiert. Am Rande der UN-Vollversammlung ließ sich der Nordkoreaner von amerikanischen Journalisten „interviewen“, das heißt, er verlas ihnen die Mitteilung, seine Regierung wolle Reagans Vorschläge gerne in Dreierverhandlungen mit Seoul und Washington erörtern, außerdem Vorschläge aller Beteiligten, „wenn sie im vernünftigen Bezug zu unserer nationalen Wiedervereinigung stehen“.

Helmut Becker (Tokio)