Als „Mordversuch am Wassergraben“ (ZEIT, 17. April 1981) ist diese Brokdorf-Szene berühmt geworden: Ein Polizist in Todesangst versucht, die Böschung eines Wassergrabens hinaufzuklettern; oben steht ein langhaariger Demonstrant, der seinen Holzknüppel auf den Polizisten herabsausen lassen will; seitlich daneben schwingt ein zweiter Demonstrant seinen Klappspaten. So geschehen am 28. Februar 1981 bei der denkwürdigen Schlacht um Brokdorf.

Die Delinquenten waren bald ausgemacht. Der unvermummte Knüppelschwinger, das ist der heute 39 Jahre alte Betonbauer Michael Duffke aus Bremen. Beim mittlerweile 22 Jahre alten Markus Mohr, einem Abiturienten aus Marne, mußten alle möglichen Indizien zur Verurteilung herhalten. Und die Strafen für den „gewalttätigen Landfriedensbruch waren exemplarisch hart. Mohr – er zeige, so das Landgericht Itzehoe damals, „schädliche Neigungen“ – erhielt drei Jahre; Duffke („abnorme Persönlichkeitsentwicklung“) fünfeinhalb Jahre. Im übrigen waren sich Gericht und Angeklagte auf paradoxe Weise einig: Der Richter hatte den Bürgerkrieg vor Augen. Die beiden Angeklagten verstanden sich als politische Gefangene eines Systems, von dem Gerechtigkeit ohnedies nicht zu erwarten sei.

Allein der Bundesgerichtshof spielte nicht mit. Er zweifelte keineswegs daran, daß mit Mohr und Duffke die Schuldigen gefunden worden waren. Aber das Strafmaß, so der Befund, halte rechtlicher Nachprüfung nicht stand.

Das Landgericht Kiel hat vorige Woche die Maßstäbe zurechtgerückt. Auch so können derlei heikle Prozesse sein: unaufgeregt im Ton, sachlich im Stil und angemessen im Schuldspruch. Denn das berüchtigte Brokdorf-Photo hatte eine Vorgeschichte gehabt: Der Polizist im Wassergraben hatte einen Demonstranten bis zum Böschungsrand verfolgt. Er wollte auf ihn einschlagen, war dabei zu weit vorgeprescht und im Übereifer in den Graben gerutscht.

Daß es sich beim „Mordversuch“ um eine „durch die Umstände begünstigte Augenblicks- oder Konfliktstat“ handelte, hatte das Itzehoer Gericht noch geleugnet. Die Revisionsinstanz war jetzt anderer Auffassung. Mohr bekam eine Strafe von anderthalb Jahren mit Bewährung, Duffke eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten.

Das Kieler Gericht hat getan, wozu es aufgefordert worden war: Es hat den „Schatten von Itzehoe“ weggewischt.

Gerhard Spörl