Es ist umgekehrt wie beim klassischen Theater – hier folgt aufs Satyrspiel die Tragödie: Der 44jährige "Sprayer von Zürich" Harald Naegeli sitzt unter erbärmlichen Umständen im Bezirksgefängnis Winterthur; "eine Adresse, die ich noch nicht im Notizbuch hatte", wie Willy Brandt schreibt. Gegen alle Appelle und Aufrufe prominenter Politiker und Künstler (vgl. "Der Sprayer von Zürich"; rororo-aktuell Nr. 5536) von der Bundesrepublik an die Schweiz ausgeliefert, wurde er mit einem Strafmaß bedacht, das über dem für Wirtschaftsverbrechen oder Vergewaltigung liegt: neun Monate Haft ohne Bewährung, ca. 125 000 DM Schadensersatz. "Der Angeklagte hat es verstanden, über Jahre hinweg und mit beispielloser Härte, Konsequenz und Rücksichtslosigkeit die Einwohner von Zürich zu verunsichern und ihren auf unserer Rechtsordnung beruhenden Glauben an die Unverletzlichkeit des Eigentums zu erschüttern", hieß es beim Züricher Obergericht. Der Staatsanwalt Bertschi war noch präziser: "Auch ein unbestellter Picasso auf meiner Gartenmauer wäre nichts weiter als ein Eigentumsdelikt." Davon hätte man ja gerne ein paar...

Also statt der – für "Ersttäter" möglichen – offenen Anstalt, eines der strengsten Gefängnisse des Landes, 23 1/2 Stunden Einschluß am Tage, eine halbe Stunde Hofgang, Tütenkleben, Postzensur.

Die Farce quietscht – inzwischen haben nicht nur renommierte Kunstvereine oder Akademien (Köln, Düsseldorf) Naegeli-Ausstellungen arrangiert und seine Spraybilder an Außenwänden fixiert (Schnütgen-Museum), sondern haben seriöse Museumsdirektoren wie der Leiter der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Werner Schmalenbach oder der Direktor der Berliner Nationalgalerie Dieter Honisch für ihn plädiert. Selbst der selten bei Petitionen anzutreffende Peter Handke findet sich neben Max Frisch, Wolfgang Koeppen und Otto F. Walter als Unterzeichner eines Aufrufs, der mit dem Satz endet: "Wir protestieren gegen jeglichen staatlichen Schutz unseres Denkens und Fühlens."

Die Debatte hat zwei Dimensionen: Kunst oder Eigentumsbeschädigung. Die "Kunstfrage" ist inzwischen wohl eindeutig geklärt, Schmalenbach spricht von einem "Künstler, der sich auf wunderbare Weise mit seinen Mitteln geäußert hat", und Adolf Muschg hat die Eigenart dieser Strichmännchen präzise definiert: "Naegeli hat diese Mauern gezeichnet, als Denkmäler kulturellen Ruins, die fallen müßten. Noch besser und schlimmer: er hat mit einem Streich gezeigt, wie wenig Heiterkeit sie ertragen. Nur einmal lachen, und sie stehen unglaublich und befreiend dumm da."

Hier wird die zweite Ebene, die gesellschaftliche, des Arguments bereits deutlich: Möchte man selber – möchte einer seiner publizistischen Verteidiger, von Grass zu Böll, von Tinguely bis Niginbühl, von Sarah Kirsch bis Joseph Beuys – am eigenen Haus ein Spray-Männchen? Soll er das dürfen; und soll nur er das dürfen – oder jeder, der gerne mit einer Spraydose rumalbert? Ist "Tod den Bullen" an die Zahnarztvilla gespritzt Revolte, Schmiererei und Eigentumsverletzung – aber ein "echter Naegeli" am Haus des Feuilletonchefs (der Süddeutschen Zeitung, natürlich) Kunst? Der Oberstadtdirektor von Osnabrück hat Naegeli im Jahre 1981 angeboten, die öden Betonwände seiner Stadt zu verschönern, und Willy Brandt betonte die Freude, die ihm die Naegeli-Zeichnung am Erich-Ollenhauer-Haus bereite. Man kann so reagieren – aber muß man? Die Petition des Deutschen Schriftstellerverbandes geht ziemlich weit, und die Häuser der Unterschreiber Bernt Engelmann oder Siegfried Lenz sind meines Wissens "noch blank": "Harald Naegeli ist das Opfer einer irrigen Vorstellung von Kunst, deren Rechte nicht definiert werden können. Kunst unterliegt eigenen Gesetzen. Sie straft sich selbst und hat ihre eigene Gnade. Naegeli verkörpert mit seinen Arbeiten diese Autonomie der Kunst."

Mir scheint, beide Streitfragen ließen sich lösen: die blamable Drakonie der Strafe sollte schleunigst gemildert werden (in New York gibt’s maximal fünf Tage für einen ertappten U-Bahn-Sprayer) – bahnschallmauern; Dichterhäuschen, Richtervillen, Verlegerpalais werden verschont. Oder wäre das ein Abschieben ins Kunst-Getto?

Fritz J. Raddatz