München: „Jean Hélion – Abstraktion und Mythen des Alltags“

Der heute achtzig Jahre alte Künstler, der aufgehört hat zu malen, weil er nicht mehr genug sieht, gehört sicherlich nicht zu den bahnbrechenden Neuerern; ebenso gewiß ist aber, daß Jean Hélion zu den wenigen zählt, die durch den unorthodoxen Umgang mit übernommenen Mitteln den Spielraum eines künstlerischen Systems – in seinem Fall das der geometrischen Abstraktion – erweiterten. Ständig experimentierend (und stets auch in unmittelbarem Kontakt mit der Avantgarde) untersuchte Hélion in den dreißiger Jahren die Reichweite abstrakter Bildgestaltung. 1938/39 rekapitulierte er in einer Anzahl von Tuschzeichnungen noch einmal das Schaffen der Jahre zuvor, und mit dieser Aufarbeitung der Vergangenheit nahm Hélion zugleich ein Stück Zukunft vorweg. Manches, das die Kunst noch 1945 erfunden hat, ist in diesen Blättern bereits schwarz auf weiß dokumentiert. Hélion, der schon vor dem Krieg und dann nach seiner spektakulären Flucht aus deutscher Gefangenschaft wieder in den Vereinigten Staaten lebte, gehörte in der Inkubationszeit des Abstrakten Expressionismus zu den wichtigen Anregern amerikanischer Künstler, obschon er selbst 1939 an eine Grenze des Ungegenständlichen gestoßen war, deren Überschreitung eine Rückkehr zum Gegenständlichen bedeutete. Er hat diese Grenze überschritten, dabei aber seine früheren Erfahrungen nicht verleugnet, was ihm vorschwebte, war eine Synthese aus „Natur und Abstraktion“, eine Malerei also, die imstande war, „ein Schaf, einen Baum oder eine Abstraktion fast auf dieselbe Weise dar(zu)stellen“. Das ist ihm zwar nie so recht gelungen, die Bilder aus den vierziger Jahren verharren unentschieden zwischen den Extremen, ein Gleichgewicht zwischen Natur und Abstraktion stellt sich nicht ein, dafür hat er aber bei seinen Anstrengungen, „visuelle Archetypen“ zu finden für die Darstellung des „Mythos des Alltäglichen“ (Zeitungsleser, Männer, die den Hut ziehen oder sich eine Zigarette anzünden, Paare, die sich im Regen begegnen, Akte, Stilleben mit Regenschirm, Stangenbrot oder Kürbissen), einen Ansatz zur Wiedergabe des Gegenständlichen gefunden, der später dann in der Pop-art wiederbegegnet. Zu Pop’s Zeiten ist er schon wieder woanders zu finden, diesmal aber in den Niederungen des akademischen Realismus’. Das war ein Irrtum, den Hélion dann auch korrigiert hat – der Schutzgeist, dem er sich in den letzten Jahren anvertraut hat, heißt Matisse. (Städtische Galerie im Lenbachhaus, bis zum 21. Oktober; Katalog 32 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Cy Twombly – Malerei, Arbeiten auf Papier 1955-1983“ (Kunsthalle bis 11. 11., Katalog 48 Mark)

Düsseldorf: „von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf“ (Halle 13 Messegelände bis 2. 12., Katalog 40 Mark)

Düsseldorf: „Aufbrüche. Manifeste, Manifestationen.“ Positionen der bildenden Kunst zu Beginn der 60er Jahre in Berlin, Düsseldorf und München. (Städtische Kunsthalle 13. 10. bis 25. 11., Katalog 35 Mark)

Duisburg: „Dmitrij Schostakowitsch und seine Zeit – Kunst und Kultur“ (Wilhelm-Lehmbruck-Museum bis 21. 10., Katalog 20 Mark)

Hannover: „Ludwig Richter“ (Landesmuseum bis 25. 11., Katalog 24,80 Mark)