Von Hans Jakob Ginsburg

Seine kriegerischen Vorfahren, die Könige des Zulu-Volkes, leisteten den Truppen des britischen Empire jahrelang blutigen Widerstand. Das ist über ein Jahrhundert her. Er selbst gilt aufgeklärten weißen Südafrikanern als die "große weiße Hoffnung", weil er wie kein anderer schwarzer Führer auf den gewaltlosen Übergang von der Apartheid zu einer gerechten Verfassung setzt. Mangosuthu Gatsha Buthelezi, 1928 zum Häuptling der Zulus geboren, 1972 zum Ministerpräsidenten des schwarzen Homeland Kwazulu gewählt, Führer einer "national-kulturellen Bewegung" (Partei darf sich die Organisation "Inkatna" nicht nennen) mit fast einer Million eingeschriebenen Mitgliedern, besuchte in der vergangenen Woche die Bundesrepublik.

Im deutschen Fernsehen diskutierte er mit Landsleuten weißer und schwarzer Hautfarbe, rassistischer und revolutionärer Gesinnung; in Bonn bat er um Mittel der deutschen Weltnungerhilfe für seine von der Dürre geplagten Zulus, bei seinen Gönnern in den kirchlichen Entwicklungsdiensten warb er für neue Hilfsprojekte. Die Werbung ist nötig, denn die politischen Differenzen unter Südafrikas Schwarzen spiegeln sich bei ihren deutschen Freunden wider: Gatsha Buthelezi gilt vielen schwarzen Intellektuellen und Kirchenführern als zu gemäßigt, zu angepaßt an Bothas Regime; darum rät der Südafrikanische Kirchenrat seinen deutschen Schwestern und Brüdern von der Zusammenarbeit mit dem Homeland-Führer ab, und darum fühlen sich Buthelezis Freunde ständig zur Rechtfertigung aufgefordert. Die ist in manchen Gruppen der Evangelischen Kirche noch dadurch erschwert, daß gerade die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU Buthelezis Reise betreute.

Buthelezi selbst mag ein Pragmatiker sein; ein schaler Opportunist ist er gewiß nicht. Über den Präsidenten Botha und seine Reform der Apartheid findet er kein freundliches Wort; die Wandlungen, die mancher als erste Zeichen einer Auflockerung preist, nennt Buthelezi Scheinreformen: das Wahlrecht für die Inder und die Mischlinge, die Auflockerung einiger staatlich verordneter Schikanen gegen die Schwarzen, die außenpolitische Öffnung Pretorias.

Radikale Schwarzafrikaner werfen Buthelezi vor, im Grunde nur als subtiler Apologet Pretorias im Ausland zu wirken. Das stimmt nicht; der Chief erweckt nie den Eindruck, es sei doch "eigentlich gar nicht so schlimm" mit der Apartheid – ganz im Gegenteil. Seine Freiheit – zu reden, zu schreiben, zu reisen – verdankt er nicht einer Funktion als nützlicher Idiot der Rassisten, sondern seinem Drohpotential: die über fünf Millionen Zulu, ein Drittel der schwarzen Bevölkerung Südafrikas, haben ihre kriegerische Vergangenheit nicht vergessen. Die Regierung in Pretoria kann sich nicht leisten, Buthelezi zu verhaften oder unter Arrest zu stellen wie andere Führer der Schwarzen und der Farbigen – es sei denn, sie wolle einen blutigen Aufstand provozieren. Gewaltlosigkeit – diesen Gedanken entwickelt Buthelezi wieder und wieder – ist eine pragmatische Entscheidung angesichts der Machtverhältnisse und hat nur so lange Sinn, wie die schwarzen Südafrikaner noch auf friedlichen Wandel hoffen können.

"Homelands sind so etwas wie Indianerreservate in Nordamerika", erklärt Buthelezi seinen deutschen Gesprächspartnern. Die Weißen haben alles Land für sich reklamiert, das wirtschaftlichen Ertrag verspricht, und den erbärmlichen Rest den Schwarzen zugewiesen: Zehn Staats-Fassaden ohne wirkliche Lebensfähigkeit, nominelle Heimatländer für die in der Südafrikanischen Republik rechtlosen schwarzen Arbeiter, die ausgebürgert werden und die Staatsangehörigkeit jenes "Landes" erhalten, das ihrem Stamm zugewiesen wurde. Vier dieser Gebilde hat Pretoria in die von keinem anderen Staat der Welt anerkannte "Unabhängigkeit" entlassen, die anderen sollen folgen.

Das größte Homeland freilich weigert sich, "unabhängig" zu werden. Unter Buthelezis Führung bestehen die Zulus darauf, Staatsangehörige der Südafrikanischen Republik zu bleiben. Kwazulu, "ihr" Homeland, betrachtet sich selbst als Zwangsgemeinschaft in widerwärtigen Grenzen: 29 kleine Gebiete und noch ein paar Dutzend winzige Enklaven, verstreut über die ganze südafrikanische Provinz Natal, bilden ein Kunstgebilde nach dem Geschmack der Apartheid-Theoretiker, aber keinen Staat. Die Pseudo-Unabhängigkeit der Zulus zu verhindern, war das erklärte Programm des Häuptlings Buthelezi, als er sich vor zwölf Jahren zum "Chefminister" küren ließ.