Von Hans Harald Bräutigam

Der Mißmut ist weit verbreitet, und Sorgen um die Zukunft, die Umwelt und die Rakete haben wir alle. Auch die Ärzte. Darüber lohnte es sich nicht, ein Wort zu verlieren, wenn es nur jene wären, die den Arzt in seinem privaten Umfeld kümmern, also vielleicht sinkende Einnahmen oder Minderung der gesellschaftlichen Achtung. Die Öffentlichkeit nimmt ja nicht ungern mit einem gewissen, auch hämischen Interesse Kenntnis von tatsächlichen oder nur vermeintlichen Fehlleistungen eines Berufsstandes. Damit können die Vernünftigen und Gelassenen unter uns Ärzten leben, wenngleich sie sich schon wünschten, daß manche Berichterstattung über ärztliche Fehlleistungen sachlicher und die Kommentierung weniger verallgemeinernd und verletzend erfolgte.

Unser Unbehagen gegenüber einer Entwicklung, die täglich deutlicher wird, hat tiefere Grande. Nicht der sensationell aufgemachte Bericht über Behandlungsfehler, die gottlob, gemessen an der Vielzahl von Behandlungen, recht selten sind, verursacht dies. Der Verlust an Vertrauen, das uns und unserer Tätigkeit entgegengebracht wird, bedrückt uns mehr, zumal wir diesen Vertrauensverlust gefördert sehen durch Veröffentlichungen, die dem wenig sachkundigen Leser eine Verallgemeinerung nahelegen.

Ärzte und Krankenhäuser gehören zu jenem Teil eines Dienstleistungsgewerbes, das nicht nur ökonomisch, sondern auch caritativ motiviert wird. Diese ärztliche Hinwendung zum Mitmenschen wird bedroht durch eben jenes Mißtrauen, das die berufsmäßigen Kritiker unserer Gesellschaft so fördern. Einer dieser modernen Savonarolas, der vor zehn Jahren sehr beliebte Ivan Mich, hat in einem großen Rundschlag alle Bereiche caritativer Dienstleistungen denunziert. Von der Medizin und den Ärzten hat er behauptet, daß sie nur krank machten. In den Vereinigten Staaten, dort wurden die Thesen des österreichischen Expriesters Ivan Illich besonders aggressiv verbreitet, hat dies dazu geführt, daß in manchem Wartezimmer eines Arztes ein Schild aufgehängt wurde, das dem Patienten empfiehlt, im Krankheitsfälle zunächst den Anwalt aufzusuchen. Mit „Feeling sick? – Call your lawyer“ („Fühlen Sie sich krank? Fragen Sie Ihren Anwalt“) wollten die amerikanischen Ärzte wohl kundtun, daß sie das Mißtrauen der Patienten bereits in ihr Behandlungskonzept einfügen.

Dies findet auch bei uns statt. Die Medizin wird zunehmend verrechtlicht. Wenn vielerorts das Leninsche Wort neu entdeckt wird, daß Vertrauen gut, Kontrolle besser sei, führt, dies zwangsläufig auch zur Schaffung von Kontrollmechanismen, die von der Rechtswissenschaft vorrätig gehalten, aber zum Gebrauch erst dann angeboten werden konnten, als die Zahl mandantensuchender Juristen so zunahm. Daran sind wir Ärzte nicht gänzlich unschuldig; vielleicht haben wir zuviele Bürger zu Patienten gemacht; zuviele Juristen machen aus Patienten Mandanten. Aus Leidenden werden Fordernde. Die Rechtsschutz-Versicherung steht neben der Krankenversicherung.

Mancher Arzt stellt schon vor Beginn der Behandlung Überlegungen an, wie er wohl in einem durchaus denkbaren Streitfall vor Gericht dastünde. Hiermit wurde eine neue zusätzliche Form der ärztlichen Praxis kreiert: die Defensivmedizin. Auf den ersten Blick erscheint dies nicht nachteilig. Wer wünscht sich nicht einen vorsichtigen Arzt, der Risiken vermeidet und der täglich die hippokratische Aufforderung vor Augen hat, daß das Wohl des Kranken oberstes Gebot zu sein habe. „Nihil nocere“, nicht zu schaden, versprechen alle Ärzte, und die allermeisten bemühen sich auch, danach zu handeln. Darf aber dieses Gebot dazu führen, daß der Arzt jedwedes, auch kalkulierbare Risiko in einer operativen oder konservativen Behandlung ausschaltet, nur um nicht später einmal mit dem Verdacht eines Behandlungsfehlers konfrontiert zu werden?

Wieso das? Aus einem alltäglichen Fallbeispiel aus der Frauenheilkunde kann dies rasch deutlich werden: Bei der operativen Behandlung eines Gebärmutterkrebses hängt die Heilung entscheidend von der Ausdehnung der Erkrankung, aber auch von der Radikalität des Eingriffs ab. Jeder Gynäkologe und jeder Chirurg weiß, daß mit der Radikalität auch die Häufigkeit operationsbedingter Nebenwirkungen ansteigt. So führt also nicht nur Fahrlässigkeit zu – Nebenwirkungen, sondern das Bemühen,. radikal Krankheitsherde auszurotten, kann zu Komplikationen führen. Diese kann er oft nur dann vermeiden, wenn er die Radikalität des Eingriffes deutlich einschränkt, sich defensiv verhält.