Von Peter Burri

Nach dem Klagenfurter Preis lief diesen Sommer das Telephon bei ihr heiß. Auf einmal wollten alle mit ihr sprechen, auch die Frauenpresse bot Journalistinnen auf. Dabei ist sie eine, die sich nur vorsichtig äußert. Erica Pedretti schaffte sich – für zwei Wochen – einen Anrufbeantworter an. Der liegt jetzt wieder in einer Ecke des schmalen und hohen Hauses im mittelalterlichen Städtchen La Neuveville am Bielersee. Und von Erica Pedretti liegt ein Band mit elf Texten vor, der, Klagenfurt hin, Gesamtverrisse des Wettbewerbs her, behutsam an das frühere Schreiben dieser Autorin anknüpft. Der preisbedachte Text ist im Buch nicht enthalten, dafür eine veränderte Fassung der Erzählung „Über Dittersdorf fliegen“, mit der Erica Pedretti schon 1978 in Klagenfurt angetreten war.

Liebhabern von und Stöberern in Literaturzeitschriften wird manches aus dem neuen Buch bekannt vorkommen: mit einer Ausnahme sind alle Texte schon gedruckt worden, in manuskripte, Hermannstraße 14, Litfass, Akzente, Jahresring. Seit ihrem letzten Roman „Veränderung“ (1977) hat Erica Pedretti wenig geschrieben, hat sich aber immer wieder in Kolloquien und Seminaren einer begrenzten Öffentlichkeit gestellt, wie in einer Werkstatt den Dialog gesucht – zuletzt und mit großem Erfolg bei den Solothurner Literaturtagen, dem Treffpunkt der kleinen, doch schillernden schweizerischen Literaturszene.

Hauptsächlich aber hat Erica Pedretti seit „Veränderung“ das Schreiben zugunsten einer anderen künstlerischen Arbeit zurückgestellt. Ihr Parkett der letzten Jahre waren Museen und Galerien. Ihre Kunst: bizarre Objekte, oft große, großflächige, aber filigran gearbeitete „Flügelwesen“ aus Draht, Leim, Kunststoffen, doch auch – und immer mehr – aus Naturstoffen. Weder-Fisch-noch-Vogel-Objekte, geschaffen, geformt aus kräftiger, aber feiner Hand, aus einem Kopf, der Unheimlichkeiten ins wortlose, dreidimensionale Bild zu bannen weiß, vor allem aber geformt mit einem unmittelbaren Tastsinn.

Den zeigt die einstige Silberschmiedin aus Sternberg (Mähren, ČSSR) auch, wenn sie schreibt. Ihre Texte sind Annäherungen, auch an andere Personen, so autobiographisch sie wirken mögen. Sie sind gleichsam nichtgesäumte Gewebe mit zentralen Flächen, haben jedoch etwas Unfertiges, das mit Absicht so gefertigt wurde. Besser wäre zu sagen: aus Umsicht und Vorsicht; denn Erica Pedretti weiß, was Sprache – im täglichen Leben – anrichten kann. Sie benützt sie zweifelnd am Glauben, daß Sprache Verständigung herstellen könnte über das notwendige Minimum von Kommunikation (was ja oft nur Konsens bedeutet) hinaus.

Der Roman „Veränderung“ macht dieses zweifelnde Suchen, diesen langwierigen Prozeß des Festigens von zweifelhaften Fakten, zum Thema wie auch Stilmittel. Die Autorin, neu an den Bielersee gezogen, geht darin der Geschichte ihres Hauses nach, das zuvor von einer russischen Emigrantin bewohnt war. Parallel dazu recherchiert sie die Geschichte eines angenommenen Kindes, für dessen Abdriften in die Grauzone der Anpassungsverweigerung die Pflegemutter, eine Bootsvermieterin, nur grausam-begrenzte Spracherklärung zur Verfügung hat. „Veränderung oder Die Zertrümmerung von dem Kind Karl und anderen Personen“, heißt der Roman im vollständigen Titel. Erica Pedretti mischt sich als Verweberin zweier Lebensgeschichten persönlich ein und fragt sich: „Im nachhinein, und wenn ich unsere fünf Kinder ansehe, wundere ich mich, nein erschrecke ich, wieviel wir uns zugetraut haben.“

Uns, das heißt: sich und ihrem Mann, Gian Pedretti, Maler und Hochwildjäger aus dem Engadin, „Rumantsch“ sprechend, die vierte schweizerische Landessprache, die Erica Pedretti nach dem Krieg mühelos erlernte. 1945 kam sie als Erica Schefter mit einem Rotkreuztransport aus der ČSSR in die Schweiz, besuchte die Zürcher Kunstgewerbeschule, lebte hernach zwei Jahre bei ihrer emigrierten Familie in New York, heiratete 1952 Gian Pedretti und zog ins Engadin.