Von Karl Stipsicz

In Ungarn hat sich, erstmals in der Geschichte des Ostblocks, eine Bürgerinitiative gebildet, die sich gegen den Bau eines Staudammes nordöstlich von Budapest richtet. Nach einem Plan, der auf das Jahr 1951 zurückgeht, als östlich des Eisernen Vorhanges noch stalinistische Luftschlösser gebaut wurden, soll zwischen dem slowakischen Preßburg und dem ungarischen Nagymaros ein hundertzwanzig Quadratkilometer großer Stausee entstehen, der zur Jahrtausendwende ganze 3,5 Prozent des ungarischen Stromverbrauches liefern wird.

Die Initiatoren der Bürgerinitiative fürchten eine Gefährdung der Trinkwasserversorgung, die Umsiedlung mehrerer magyarischer Dörfer in der Slowakei, die Vernichtung von 73 Quadratkilometern landwirtschaftlicher Nutzfläche und eines wildreichen Auwaldes. Unterstützung erhalten die kämpferischen Ungarn von einer österreichischen Bürgerinitiative, die sich gegen die Errichtung eines Donaukraftwerkes bei Hainburg richtet.

Ob die Petition, die, neben intellektuellen Kadár-Gegnern, Prominente aus Sport, Film und Theater sowie sechstausend weitere Ungarn unterschrieben haben, die Behörden zur Einstellung des Bauvorhabens zwingt, ist mehr als fraglich. Trotz einer starken Anti-Kraftwerkslobby innerhalb der Kommunistischen Partei sind dem Politbüro durch zwischenstaatliche Abkommen mit der Tschechoslowakei die Hände gebunden.

Aber auch in Prag haben die dort regierenden Genossen inzwischen ihre Sorgen mit der Ökologie und den Ökologen. „In wenigen Jahren wird das Trinkwasser knapp, nicht einzelne Tierarten, ganze Tiergruppen sind vom Aussterben bedroht ... wir gehören zu den Staaten mit der höchsten Emission von schwefelhaltigen Gasen, ... bis zur Jahrhundertwende werden sechs Zehntel unserer Wälder schwer beschädigt sein ... Anbauflächen werden systematisch zerstört ... die Säuglingssterblichkeit wächst.“

Diese Zitate stammen aus der „Analyse der ökologischen Situation der Tschechoslowakischen sozialistischen Republik“, erarbeitet im Herbst 1983 von der Prager Akademie der Wissenschaften im Auftrag der Regierung. Die niederschmetternde Objektivität der amtlichen Kommission war zuviel für die tschechischen Parteigenossen: In gewohnter Manier sollte daher die offenherzige Analyse in den Schubladen verschwinden. Doch ein Sympathisant der Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ war schneller. So fanden westliche Zeitungen, denen das Papier zugespielt wurde, bestätigt, was in Osteuropa fast alle wissen: die führende Rolle des Sozialismus – bei der Vernichtung der Umwelt.