Elf Uhr – Termin beim Zahnarzt. Ich drücke die Klingel. Nichts tut sich. Auch wiederholtes Drücken öffnet mir keine Tür. Nebenan winkt mir eine Kassiererin durchs Schaufenster zu. „Stromausfall“, sagt sie. „Da kommen Sie nicht rein.“ Zum Glück kommt aber jemand raus. Wir – inzwischen sind’s schon mehrere, die vor der Tür stehen – gehen hinein. Natürlich steht auch der Aufzug still.

Ich wußte gar nicht, daß mein Zahnarzt so hoch oben arbeitet. III Stufen. Auf mein Klopfen wird geöffnet. Die ganze Mannschaft steht am Empfangstresen. Ratlose Gesichter, eine Spur von Heiterkeit. Rien ne va plus – nichts geht mehr. Außer: Man kommt sich näher. Wo sonst nur Worte wie „Ich bin bestellt“, „Ihr Name bitte“ und „Behandlungsraum zwei“ gewechselt werden, entsteht ein kleines Gespräch; das Geschäftsdeutsch gleitet allmählich in den Dialekt über. Die Ratlosigkeit weicht immer mehr der Heiterkeit. Die Zivilisation macht eine Atempause. Ohne Strom ist auch ein Zahnarzt nur ein Mensch.

Also die Treppen wieder runter. Ich könnte auf dem Weg zurück ins Büro noch schnell tanken. Aber alle Säulen stehen still. Die Tür zum Bürogebäude, sonst aus Sicherheitsgründen stets sorgsam geschlossen, nur mit dem codierten Ausweis zu öffnen, steht sperrangelweit offen. Nanu? Drinnen ist alles dunkel. Auch hier: Stromausfall. Offenbar in der ganzen Stadt? An Arbeit ist nicht zu denken, denn auch die ist stromabhängig. Also Mittagspause vorverlegen, wir kochen ja zum Glück mit Gas. Ich versuche meine Frau anzurufen, aber die hochmoderne elektronische Telephonanlage, vor zwei Monaten installiert, schweigt. Nichts knackt, nichts tutet mehr. Also losfahren ohne Vorankündigung.

Im Auto liegt ein Zettel: Bitte Milch, Margarine und Wurst mitbringen. Stopp am Supermarkt. Alles ist dunkel, aber offenbar wird noch verkauft, denn durch die Scheiben sehe ich Menschen. Ich suche mir meine Sachen zusammen und schiebe den Einkaufswagen zur Wurstwarenabteilung. Niemand da. „Hallo“, rufe ich. Die Bedienung kommt achselzuckend aus der Tür. „Tut mir leid, die Waagen sind ohne Strom. Ich kann nichts abwiegen.“ – „Kann man denn die Waagen nicht auf Mechanik umstellen?“ frage ich. „Leider nein. Früher ging das noch. Aber bei den neuen ...“

Vor der Kasse eine lange Schlange. Ich bin der zwölfte. Von vorn hört man: „7 und 9 ist 18 plus 3 ist 21“. Und dann, lauter: „Kann jemand fünf Mark wechseln?“ – Mein Gott, auch das noch. Die Kasse. Nicht nur, daß sie nicht rechnet, sie ist nicht einmal mehr zu öffnen. Kein Wechselgeld.

Die Kunden unterhalten sich. Not läßt sie enger zusammenrücken. Der gemeinsame Gegner heißt „Technik“. Ich gehe nach vorne und biete meinen elektronischen Taschenrechner an. „Können Sie mir den nicht dalassen bis heute nachmittag?“ fragt die Kassiererin. Natürlich. Dankbare Blicke aus der Schlange der Wartenden. Kein Wort mehr von Maschinenstürmerei und der schlimmen Technik.

Eigenartig, denke ich auf dem Nachhauseweg, die hochmoderne Technologie bringt Menschen einander näher. Gerade dann, wenn sie versagt.

Bernhard Hermann