ARD, 16. Oktober, 23.00 Uhr: „Einer von den Vermißten – Die Patrouille des Soldaten Jerome“ von Karl Heinz Kramberg

Big Brother is watching you: Da sitzt man vor dem Fernsehapparat, entspannt und gespannt auf das, was da kommen soll, fühlt sich frei und unbeobachtet und plötzlich: dieses Auge, das immer näher kommt, immer größer wird, einem Angst macht und einen drängt, vom Sessel aufzuspringen. Doch da, eine Stimme, freundlich, aber bestimmt: „Bitte behalten Sie Platz!“ Kaum wagt man, sich zu bewegen, da ertönt die Stimme erneut: „Wir kriegen ja doch alles mit, was Sie denken, ja, auch was Sie denken. Unsere Kontrolle hat nie versagt und wird nie versagen, dafür gibt es unzählige Beweise, einen sehen Sie gleich.“

Welche Stimme da so bedrohlich spricht, das bleibt vorerst im dunkeln. Eine Behauptung harrt ihres Beweises, und dazu wird eine Geschichte erzählt, eine „wahre“, wie es heißt, aufgeschrieben von einem Schriftsteller. Dieser Schriftsteller, ein „Mensch mit dem Temperament eines Revolutionärs und der Sensibilität eines Träumers und Dichters, der sich Zeit seines Lebens gegen seine Umwelt auflehnte“, ist der Amerikaner Ambrose Bierce. Er lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zur Zeit des Bürgerkrieges und der folgenden Wirren, und schrieb noch schärfere, noch hämischere Satiren als sein bei uns weitaus bekannterer Zeitgenosse Mark Twain. Der „bittere Bierce“ wurde er genannt, und seine Attacken auf Mißstände, Mittelmäßigkeit und Verlogenheit fanden nicht nur in zahlreichen Büchern Ausdruck, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften, die er jahrzehntelang mit Kolumnen belieferte.

Bierce kämpfte als Freiwilliger im Bürgerkrieg, wurde verwundet, schließlich zum Major ernannt. Er weiß, wovon er redet, wenn er von Frontabschnitt, Vorposten oder Nachhut spricht. Karl Heinz Kramberg, Schriftsteller und Fernsehmacher, hat in der Reihe „Die literarische Filmerzählung“ Bierces Kurzgeschichte „Vermißt“ nicht nur bebildert, sondern durch manche nicht minder bissigen Feststellungen ergänzt.

Der gemeine Soldat Jerome Searing „ist ein Werkzeug, das sich strategisch brauchbar einsetzen läßt“. Der kommandierende Divisionsgeneral weiß das und schickt ihn auf eine Alleinpatrouille zu den feindlichen Linien, um soviel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Jedoch, Searings gefahrvolle Mission ist vergeblich, der Feind bereits abgezogen. Da „Toten aber nun einmal das Geschäft des Soldaten ist“, kann er sich, als er einen grauen Heerzug feindlicher Soldaten auf der Straße entdeckt, den Gebrauch seiner „Springfield“ nicht versagen. Eine Bleiladung zumindest soll „eine Frau zur Witwe oder ein Kind zur Waise machen oder eine Mutter kinderlos – vielleicht auch alles auf einmal“ – soviel Ehrgeiz besitzt der gemeine Soldat Jerome.

Doch da schaltet sich der Erzähler (Hans Clarin), der Jeromes Mission von Anfang an kommentierend begleitete, mit entschiedener Stimme ein: Es sei beschlossen, daß der Soldat Searing an diesem Sommermorgen nicht zum Mörder werden soll. Jetzt auch wird offenbar, wer hinter jener bedrohlichen Stimme steckte, die den Zuschauer so eindringlich zum Ausharren vor dem Bildschirm gemahnte. Es war die Stimme der höheren Macht. Im Falle Jerome Searing hatte sie bereits vor 25 Jahren dessen Schicksal besiegelt: mit der Geburt eines Knaben, der jetzt als Artillerieoffizier an seinem Feldgeschütz hantiert und genau in jenem Moment Feuer gibt, in dem Jerome seinerseits sein Gewehr spannt.

Was folgt ist ein bei Bierce immer wiederkehrendes Thema: die Todesangst und der Vorgang des Sterbens aus der Sicht des Opfers.