Der Anblick drückt einem auch dieses Mal wieder das Herz ab: über hundert Menschen, DDR-Bürger, die sich in der Prager Botschaft der Bundesrepublik verschanzt haben; die verzweifelt sind; die nicht weichen wollen, ehe sie zu uns ausreisen dürfen. In hilflosem Zorn stehen wir davor – und müssen uns gleichwohl zu Realismus zwingen.

Der Realismus aber gebietet uns einzusehen, daß der Geltungsbereich des Grundgesetzes sich nicht bis Prag, nicht bis in irgendeine andere kommunistische Hauptstadt erstreckt. Unser Anspruch, daß jeder DDR-Bürger, der zu uns kommt, Bundesbürger werden kann, weil er Deutscher ist, läßt sich dort nicht durchsetzen, wo er nicht anerkannt wird. Er läßt sich noch nicht einmal im Wege des Gegengeschäftes zur Geltung bringen, solange Erich Honecker befürchten muß, daß jedes Abrücken von seinem eigenen Souveränitätsanspruch bloß die nächste Welle von Menschen produziert, die ihre Ausreise per Nötigung zu erzwingen suchen – auch wenn sie damit unzähligen anderen den geregelten Weg nach Westen versperren.

Unser Rechtsanspruch fruchtet nichts, wo der Machtanspruch der anderen Seite größer ist – das ist die erste bittere Wahrheit. Die zweite, ebenso bittere Erkenntnis ist freilich: Wenn die DDR nicht insgesamt den Kesseldruck verringert, indem sie mehr Ausreisemöglichkeiten schafft, vor allem jedoch mehr Reisemöglichkeiten, wird es immer wieder Menschen geben, die in ihrer Verzweiflung wider alle Vernunft anrennen und den Käfig aufzusprengen versuchen. Aber wie kann das der SED-Führung in ihrer gegenwärtigen Verbiesterung beigebracht werden? Th. S.