Es gab eine Zeit, da spielten wir ausschließlich Revolution, hauptsächlich auf dem Gellertberg, zwischen schwindelerregenden Felsen, einem perfekten Spielplatz für Revolutionäre: Gellért, ein deutscher Bischof, war einige tausend Jahre zuvor gekommen, um die heidnischen Ungarn zu bekehren, die ihn als Antwort in eine Tonne steckten und den Berg hinunterstießen. Dies, meinte mein Bruder Paul, sechs Jahre älter als ich und unser Führer, sei ein revolutionärer Akt. Aber was genau ist ein revolutionärer Akt, wenn man kaum fünf Jahre alt ist? Bischöfe den Berg hinunterstoßen oder, wie das Spiel des nächsten Monats heißen sollte, die Reichen ausrauben, um den Armen zu helfen? (Das scheint mir selbst heute noch, mit siebzig, kein schlechter Slogan für einen Slogan.) Er wurde uns in den Nieselregen des Oktober von Bruder Paul geboten, einem unersättlichen Leser revolutionärer Schriften, und der Name des Spiels war diesmal Robin Hood und seine tapfere kleine Schar gegen den Sheriff von Nottingham. Paul spielte Robin. Der Fette Hugo Schmitz den Sheriff und ich, der kleinste, Littlejohn, den mächtigen Mönch. Wir jagten Hugo über die Felsen, entrissen ihm die Hosenträger, damit ihn die rutschenden Knickerbocker von der Flucht abhielten und hängten ihn an einen Baum. Er tat mir leid, aber Bruder Paul erläuterte die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt. Die Welt, sagte er, ist in Arme und Reiche geteilt oder, wie man auch sagen könnte, in Räuber und Gendarmen; die Gendarmen sind immer die Schlechten und die Räuber immer die Guten, auf welcher Seite stehst du? Ich will gut sein, sagte ich. Noch immer will ich das, was nicht leicht ist, nicht mal im Alter von fünf. Später in jenem Jahr kreuzte Bruder Paul mit einer frischen Variante desselben Spiels auf. Die Besetzung war, wie so oft, nicht leicht, und Egos wurden angeknackst. Paul wollte natürlich Stalin sein, der Fette Hugo bestand auf Lenin, also blieb mir der Zar. Ich weigerte mich. „Ich bin zu klein für einen Zar.“ Tränen rollten, Nasen wurden gezwickt, aber ich behauptete mich, also rekrutierte Paul Haas in die Bande, einen mageren Jungen mit typhuskahlem Schädel, der sich Lenin unter den Nagel riß, der Fette Hugo wurde mit Papierkrone und Gummizepter bestochen, die Rolle des Zaren zu spielen. Ich stellte schließlich Trotzki dar, ausgerüstet mit Großvaters zerbrochenem Pincenez. Wir erschossen den Fetten Hugo in der Dämmerung und stürmten den Winterpalast, einen zahnförmigen Felsen, aber ich war es nicht zufrieden, ich wollte Stalin sein und nichts als Stalin, dieser Mann aus Stahl, dessen wirklicher Name wie ein Liebeslied klingt; der mit seiner verkümmerten Hand und den wunderschönen georgischen Augen die Postkutsche ausraubte, um den Armen zu helfen. Alle Spiele müssen ein Ende nehmen, oder etwa nicht?

Wenn es soweit ist, ist es traurig, und deshalb weigern sich so viele von uns, mit dem Spiel aufzuhören. Unterdessen hatte Bruder Paul entschieden, daß es höchst professionell sei, nur zahlende Mitglieder in der Partei zuzulassen. Der Fette Hugo rückte seine letzte, für Milch bestimmte Münze heraus. Am Abend keine Milch, und seine Mutter nahm ihn mit Fragen unter Beschuß wie sonst nur Gendarmen. Hugo – gestand. Zwei Tage später wurden Paul und ich

aus der Schule geholt und zur Politischen Polizei gebracht. Die Gendarmen waren sehr nett und boten uns heiße Schokolade an. Bruder Paul, schon im Alter von elf Jahren ein großer Lügner, das heißt ein großer Dichter, spielte das Spiel weiter. Er kannte sich noch nicht aus mit revolutionärer List und gestand frei von der Leber, daß wir planten, den königlichen Palast in die Luft zu sprengen und Admiral Horthy im Morgengrauen zu erschießen. Zwei Stunden später wurden wir nach Hause geschickt, und die freundlichen Gendarmen nahmen meinen Vater fest. Ihm gaben sie keine heiße Schokolade.

Am nächsten Morgen kam er ohne Schneidezähne nach Hause. Das war vor fünfundsechzig Jahren, und das Spiel ist noch nicht beendet, ein Spiel von Hoffnung und Horror und wieder Hoffnung trotz des Horrors, und wenn ich mein Bücherregal betrachte, gefüllt mit all diesen ernsten, brillanten und sehr erwachsenen Erklärungen, was mit diesem Jahrhundert der Hoffnung und des Horrors geschehen ist, sehe ich die Felsen vom Gellértberg, und die sind bevölkert mit ernsten, brillanten Erwachsenen, die einander über die Felsen jagen, mal als Gendarm, mal als Räuber, am schrecklichsten aber als Räuber, die sich, wie Stalin, in Gendarmen verwandeln und so die Hoffnung zum Horror machen, bis der Berg in die gleichgültige Luft fliegt. Der Rest ist Kommentar.

Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori