Der Fall Möllemann

Sogar im stilvollen Untergang möchte er seinem Mentor gleichen: Jürgen W. Möllemann hat sich, weil es denn sein muß, zum Rückzug à la Genscher durchgerungen. Niemand verübelt es ihm, daß er der nordrhein-westfälischen FDP bei der Landtagswahl im Mai 1985 nicht als Spitzenkandidat zur Verfügung steht. Gelinde Zweifel sind allenfalls angebracht, ob Möllemann bleiben darf, was er bleiben will: Vorsitzender seiner Landespartei und Staatsminister im Auswärtigen Amt. Dennoch ist die FDP fürs erste zufrieden und erleichtert. Nur ganz selten kommt Mitgefühl mit dem Mann auf, den der Rückfall ins einfache Bürgerleben so offensichtlich schreckt.

Die Bitterkeit darüber läßt sich Möllemann anmerken. Die Fakten sprechen ja auch tatsächlich nicht gegen ihn. Nicht er, sondern die Spendenaffäre ist schuld daran, daß seine Landespartei praktisch pleite ist. So schlecht waren deren Wahlergebnisse auch gar nicht. Knapp fünf Prozent bei der Kommunalwahl – dadurch wurde das Problem Möllemann für die FDP eher verschärft. Denn dieser Einsicht konnte er sich jetzt nicht mehr verschließen: Die FDP wollte ihn loswerden.

Die Anfänge liegen länger zurück. Sie haben mit dem Purismus zu tun, der die Liberalen Anfang dieses Jahres ergriffen hat. Seitdem gibt es eine Art neues Leitbild. Es entspricht der Mittleren-Angestellten-Kultur und trifft am ehesten auf Irmgard Adam-Schwaetzer zu, die von allen Seiten zu Möllemanns Nachfolge gedrängt wird: In der Form korrekt, beherrscht in Stil und Umgangsformen, dabei lieber phantasielos als moralisch umstritten – nach diesem Muster möchte sich die FDP ihre Identifikationsfiguren suchen. Möllemann ist von allem eher das Gegenteil: Typ fixer Junge, der sich tagtäglich anstrengen muß, die vielen Ignoranten um ihn herum von seiner Bedeutung zu überzeugen, und der immerfort von der Sorge getrieben wird, dem Vergessen anheimzufallen. Die Spiegel- Kampagne hatte Möllemann paradoxerweise eine Schonfrist verschafft. Die FDP mußte Solidarität üben. Sie glaubt ohnedies, daß alle möglichen Medien ihr emsig nach dem Leben trachten – die Möllemann-Affäre, eine Fortsetzung der Lambsdorff-Affäre auf niedrigem Niveau. Ob Möllemann nun die Verquickung von Amt und Geschäft nachgewiesen werden kann oder nicht, hat schnell an Bedeutung verloren. Es genügt, daß es ihm jedermann zutraute.

Am Ende ist der Fall Möllemann ein Beispiel für klägliche Personalpolitik. Die Bedeutung, die er erlangen durfte, hängt aufs engste zusammen mit dem Niedergang der FDP. Wer ihn heute dankbar fallenläßt, vergißt seine Rolle beim Machtwechsel 1982. Damals hatte er kein Amt, keine Würde und durfte laut herausschreien, was andere nur laut dachten. Danach wurde Möllemann von Genscher promoviert, weil er sich in dessen finstersten Tagen nicht davongeschlichen oder, was ihm ohnedies fremd ist, kleingemacht hatte. Möllemann witterte und nutzte seine Chance. Lange genug hatte er den Narren gespielt; jetzt wollte er Staatsmann sein.

Sein Niedergang wird sich unbillig hinziehen. Die FDP Nordrhein-Westfalens sucht händeringend nach Ersatz. Irmgard Adam-Schwaetzer könnte, wenn sie nur wollte. Gerhart Baum dürfte nicht, selbst wenn er wollte. Der Ex-Regierungspräsident von Düsseldorf Achim Rohde will wohl, aber die FDP zweifelt, ob er es auch kann.

Manchem Liberalen schwante schon Böses. Nein, sein eigener Nachfolger werde Möllemann ganz bestimmt nicht, wurden Gerüchte widerlegt, die aus purem Spott geboren waren.

Gerhard Spörl