ZDF, Montag, 1. Oktober: "Die Revolution dreht sich im Kreis", Reportage von Peter Scholl-Latour

Das Geschäft der Propagandisten ist schwer – schwerer als das der Henker, der Folterer, der Terroristen von Staats wegen. Wer immer im Auftrag der Herrscher der Islamischen Republik Iran Peter Scholl-Latours Film gesehen hat, mußte diese beunruhigende Mitteilung an seine Teheraner Zentrale machen.

Denn einen Propaganda-Erfolg hatten sich zweifellos diejenigen Funktionäre des Mullah-Regimes versprochen, die dem Fernsehteam aus der Bundesrepublik Wege bahnten und Tore öffneten: durch die Wüste Chusistans an die Kriegsfront im Sumpfland auf irakischem Territorium; durch die Massen der fanatisierten, schwarzverhüllten Demonstrantinnen, die fäusteschwingend den Tod der weniger glaubensfesten, westlich gekleideten Frauen aus der persischen Oberschicht forderten; in ein Kriegsgefangenenlager voll irakischer Soldaten, die das Lob des Ayatollah Chomeini sangen; in das berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis, wo in den letzten Jahren mehr Hinrichtungen vollstreckt wurden als an irgendeinem anderen Ort des Globus.

Der große Saal ist voll von kahlgeschorenen jungen Männern in adretter Anstaltskleidung. Sie antworten auf die Fragen des Reporters im Chor, und was sie antworten, kennt der Zuschauer schon von anderen Szenen des Films, die dort spielen, wo im Iran Chomeinis vorgeblich Freiheit herrscht: "Tod für Amerika! Tod für die Sowjets! Tod für Israel!" Die Litanei ist überall gut gelernt, im Gefängnis ganz besonders gut.

"Evin ist eine Universität!" Das ist die Antwort – ach nein, eher der gebrüllte Slogan statt einer Antwort auf die Frage an die Häftlinge, ob hier im Gefängnis eigentlich gefoltert werde. Das einstudierte Gebrüll der Evin-Häftlinge ist bestürzend, erweckt Mitleid, Zorn darüber, wie Menschen manipuliert oder drangsaliert werden können – nur überzeugen läßt sich keiner vom skandierten Geschrei.

Darum braucht Scholl-Latour auch nur die Bilder und Originaltöne wirken zu lassen: "Evin ist eine Universität!" Häftlinge ergehen sich im gefängniseigenen Swimmingpool (in Rettungsringen, das Schwimmen gehört sicher nicht zu ihrem normalen Programm), schwingen ihre Fäuste in Richtung der Fernsehkamera, preisen Chomeini und verfluchen die "Heuchler", wie in Chomeinis Neusprache die linken Oppositionsgruppen heißen – Heuchler sind die ungebrochenen Oppositionellen, keine Heuchler mehr diejenigen, die sich selbst verfluchen, um zu überleben. Weibliche Häftlinge, in einem großen Werkstattsaal, sitzen an Nähmaschinen, schwingen ihre Fäuste und brüllen die üblichen Parolen – dieselben Parolen wie die schwarzgekleideten Frauen, in Freiheit, die sich freiwillig zur Landarbeit gemeldet haben und ihre Schufterei für die Kamera unterbrachen: "Tod ... Tod ... Tod!"

Allgegenwärtig sind die Führer der Revolution auf einem Meer von Ikonen – tote und lebende Mullahs in wirrer Reihe schmücken Hauswände, Büroräume und öffentliche Plätze. Die irakischen Kriegsgefangenen verfertigen Chomeini-Poster, und die Gefangenen im Evin-Gefängnis beten vor (der Augenschein legt die blasphemische Präposition "zu" nahe) einem riesengroßen Chomeini-Wandbild. Die Fernsehbilder decouvrieren das Regime – deutlicher als in anderen Schreckensstaaten, besser als mancher kluge Text.

Klug und überlegt ist Peter Scholl-Latours Text zu den Bildern seines Fernsehteams – freilich: Zehn Tage vor der Sendung waren große Teile des Textes fast wortgleich im Stern zu lesen, allen Sünden zum Trotz immer noch ein vielgelesenes Blatt. Macht es den ZDF-Redakteuren nichts aus, wenn der Zuschauer die Worte des Kommentators gleich auch mitlesen kann? Vielleicht nicht: Wiederholungen und Literaturverfilmungen sind halt beliebt. Hans Jakob Ginsburg