Was eigentlich naheliegt, hat ein Bericht der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften nun nachgewiesen: Allzuviel Trauer um einen verstorbenen Angehörigen ist ungesund und kann zu Krankheit und frühzeitigem Tod führen. In ihrem 312 Seiten starken Bericht kommen die 21 Experten der Akademie zum Schluß, die Medizin müsse den trauernden Hinterbliebenen weit mehr Aufmerksamkeit schenken als bisher. Der Report zeigt auch auf, daß Männer und Frauen den Tod einer nahestehenden Person bemerkenswert unterschiedlich verarbeiten.

In den Vereinigten Staaten verlieren jährlich immerhin 800 000 Menschen ihren Lebensgefährten. Am schwersten trifft ein Trauerfall die Witwer. Zumindest ermittelte der Bericht der Akademie für Männer unter 75, die ihre Ehegattin verloren haben, ein überdurchschnittlich hohes Risiko, vorzeitig an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, an einer Infektionskrankheit oder – an den Folgen eines Unfalls zu sterben. Dieses Risiko bestellt besonders während des ersten Trauerjahres (in dieser Zeit ist auch die Selbstmordgefahr am höchsten). Die höhere Gefährdung kann bei Witwern, die sich nicht wieder verheiraten, bis zu sechs Jahren nach dem Verlust der Lebensgefährtin bestehen. Ähnliche Trauerfolgen werden auch bei alleinstehenden Männern registriert, die ihre Mutter verlieren.

Dagegen scheinen Frauen den Verlust ihres Lebensgefährten besser zu verkraften – zumindest im ersten Trauerjahr. Danach steigt auch für alleinbleibende Witwen in geringem Grad die Selbstmordgefahr sowie das Risiko, an einer Leberzirrhose zu erkranken. Frauen erweisen sich aber in dieser Untersuchung insgesamt als deutlich weniger gefährdet als Männer. Sie können „ihren Schmerz eher an der Brust einer Freundin ausweinen“ und suchen häufiger als das „starke Geschlecht“ in ihrer sozialen Umgebung Unterstützung, vermutet Marian Osterweis, eine Autorin des Berichtes.

Offenbar spielt die bisherige Lebensweise und der allgemeine Gesundheitszustand des Hinterbliebenen eine große Rolle bei der Trauer-Bewältigung. Trauer verstärkt demnach bereits vorhandene ungesunde Gewohnheiten wie Rauchen, Trinken und Drogenmißbrauch. Auch wenn die „Biologie des Trauerns“ noch wenig erforscht ist, so scheint doch – die Beobachtungen der 21 Experten lassen dies vermuten – das Gefühl der Verlassenheit ernstliche Störungen im Atmungstrakt, Gehirn und Hormonsystem hervorzurufen. Die beste Medizin gegen den Trauer-Tod nennt der Bericht ganz offen: wieder heiraten.

Ulrich Goetz