Von Wilfried Loth

Kein Zweifel: Die „deutsche Frage“ hat wieder Konjunktur. Einen Historiker, der sich seit geraumer Zeit mit den Problemen internationaler Politik im 19. und 20. Jahrhundert beschäfmuß dieser Trend mit Besorgnis erfüllen.

Es soll gar nicht geleugnet oder verdrängt werden: In jüngster Zeit gab es für die Bundesrepublik öfters Anlaß, den gegenwärtigen Status der deutschen Frage als ungenügend zu empfinden und sich in der Einbindung in eine Militärstrategie, wie sie gegenwärtig in Washington definiert wird, mehr als unwohl zu fühlen. Aber wäre es der richtige Weg zur Lösung unserer Identitäts- und Sicherheitsprobleme, wenn man den Gedanken der nationalen Einheit wiederbelebte? Meine Sorge ist, daß eine solche Renaissance des nationalen Gedankens vielmehr dazu führte, uns mit einer Fülle zusätzlicher Probleme zu belasten und gegen unseren Willen die atomare Katastrophe noch ein gutes Stück wahrscheinlicher zu machen, als sie ohnehin schon ist.

I

Die „deutsche Frage“ ist nicht erst seit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges ein Kardinalproblem der internationalen Politik in Europa. Einer Zusammenfassung der deutschen Nation in einem Nationalstaat stand vielmehr seit jeher die Furcht der übrigen europäischen Mächte vor einer deutschen Dominanz über den europäischen Kontinent entgegen. Die deutsche Einheit war daher nicht nur sehr schwer zu realisieren, sondern sie ist auch stets prekär geblieben.

„Dem europäischen Gleichgewicht“, so hat Wilhelm von Humboldt dieses Problem schon 1816 in einer Denkschrift formuliert, „würde durchaus entgegengearbeitet, wenn in die Reihe der europäischen Staaten, außer den größeren deutschen einzeln genommen, noch ein neuer collectiver in einer nicht durch gestörtes Gleichgewicht aufgeregten, sondern gleichsam willkürlichen Tätigkeit eingeführt würde, der bald für sich handelte, bald einer oder der anderen größeren Macht zur Hülfe oder zum Vorwande diente. Niemand könnte dann hindern, daß nicht Deutschland als Deutschland auch ein erobernder Staat würde“ – ein erobernder, ein auf Hegemonie über Europa zielender Staat, so wäre hinzuzufügen, nicht wegen einer besonderen Aggressivität der Deutschen, sondern wegen der geopolitischen Lage ihres Landes. Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft würden einen solchen Staat jedem anderen Staat in Europa überlegen machen; folglich drohten sich die übrigen Staaten Europas gegen die Gefahr einer deutschen Vorherrschaft zusammenzuschließen; und gegen die Gefahr eines solchen Zusammenschlusses drohte Deutschland präventiv nach eben dieser Vorherrschaft zu greifen.

Humboldt hatte bei seinem Gutachten hinzugefügt, dies: ein Deutschland, das sich als erobernder Staat betätigte, könne „kein ächter Deutscher wollen“. Das ist, wie man weiß, nicht so geblieben; die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts hat ein unitarisches Deutsches Reich angestrebt. Sie hat es freilich, wie die Erfahrung der Revolution von 1848/49 zeigt, nicht aus eigener Kraft gegen die Koalition der europäischen Großmächte realisieren können; und als die Einigung dann 1866/71 – dank Bismarcks geschickter Ausnutzung des Zerfalls der Großmächte-Koalition – wenigstens teilweise gelang, war sogleich das innereuropäische Gleichgewicht in Frage gestellt.