Manche behaupten, Fantasy-Literatur sei süßes, klebriges Zeug. Wenn man sich die Masse der Bücher anschaut, denen die mittlerweile umsatzträchtige Bezeichnung „Fantasy“ auf den Titel gesetzt wurde, kann man den Argwohn verstehen, mit dem viele Leute dieser Art von Texten begegnen. „Fantasy“ macht auf alle Fälle Kasse, und das hat gar nicht soviel mit den Zugpferden Marion Zimmer Bradley, J. R. R. Tolkien und Michael Ende zu tun. Gerade weil man die meisten „Fantasy“-Bücher ungelesen in den Ofen schieben könnte, gibt es einige Titel, die nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen, zum Beispiel „Die Chroniken des Thomas Covenant“.

Thomas Covenant leidet an der Hansenschen Krankheit: Er hat Lepra. Früher war er Bestseller-Autor, hatte eine attraktive Gattin namens Joan und einen Jungen. Jetzt hat er nur noch seine VBG (Vergleicnende Begutachtung der Gliedmaßen) und einen Ehering aus Weißgold. Er verhält sich stoisch gleichgültig, da er sonst nicht lange überleben würde: Leprakranke können sich keine Phantasie leisten. Denn Phantasie bedeutet Unachtsamkeit, Unachtsamkeit bedeutet Verletzungen, Verletzung bedeutet Gangräne, und Gangräne bedeutet Amputation oder stinkende Verwesung bei lebendigem Leibe.

Thomas Covenant spaziert eines Tages aussätzig und unrein durch sein Dorf, dessen Bewohner ihn meiden und verabscheuen. Er will seine Telephonrechnung persönlich bezahlen. Da kommt es zu einer Begegnung mit einem blinden Bettler. „Bleib getreu!“ ruft ihm der Bettler zu. Noch unter dem Eindruck des seltsamen Gesprächs läuft Covenant vor ein Auto, wird durch die Luft geschleudert und verliert das Bewußtsein. Er erwacht in „dem Land!“

„Das Land“ ist der Wahnsinn, das merkt Covenant sofort. Nachdem er dem Ort seines Erwachens, einem idiotisch hohen Aussichtspunkt namens Kevinsblick, mit Hilfe des Mädchens Lena entkommen ist, beginnt eine unglaubliche, recht unpoetische und dennoch entführerische Geschichte. Denn in der Zeit zwischen Autounfall und Erwachen hat er „Lord Foul“ und „Seibrich Felswürm“ kennengelernt. Lord Foul nennt Covenant „Kriecher“ und gibt ihm eine furchtbare Nachricht mit auf den Weg nach Schwelgenstein: Die Ankündigung der Machtübernahme von Lord Foul über „Das Land“ in sieben mal sieben Jahren ... Seibrich Felswürm aber hat den Stab des Gesetzes, sucht den Weltübelstein und färbt den Mond rot!

Da Covenant leprakrank ist, und sich keine Träumereien leisten kann, glaubt er nicht an die Realität „des Landes“. Die Tatsache, daß er mit seinem weißgoldenen Ehering über „Wilde Magie“ verfügt, die unter Umständen „Das Land“ retten kann, erfüllt ihn mit Mißtrauen. Obwohl „Das Land“ die Ausgeburt des Schönen ist, seine Lepra geheilt wird und er die Bedrohung durch Foul und Seibrich kaum ertragen kann, benimmt er sich ordentlich und abwartend.

Die Chroniken von Thomas Covenant gehören nicht zu den unerträglichen Romanen, in denen erzählt wird, wie irgend jemand irgendwie in eine „Fantasy“-Welt gelangt und im Rahmen seiner Anstrengungen, diese „Fantasy“-Welt zu unterwerfen, „Krozair von Zy“, „Clanführer der Seghestes-Ebenen“ und „Kaiser des Violetten Palastes“ wird, und der Leser so Gelegenheit erhält, Minderwertigkeitskomplexe und Allmachtsträume zu sublimieren. Helden dieser Sorte gibt es genug!

Trotzdem geht es auch bei Covenants Reisen in „Das Land“ noch her! Seine Abenteuer, erdacht von Stephen R. Donaldsen, mittlerweile zwei voluminöse Trilogien (in den USA, selbstverständlich millionenfach verkauft), sind reine „Fantasy“, die mit der „Fantasy“, die üblicherweise in den Buchhandlungen zu finden ist, nichts mehr zu tun hat. Sehr empfehlenswert!

Stephen R. Donaldsen: (Die ersten Chroniken des Thomas Covenant) „Lord Fouls Fluch“, „Die Macht des Steins“, „Die letzte Wallstatt“, je 9,80 DM; (Die zweiten Chroniken des Thomas Covenant) „Das verwundete Land“, 12,80 DM; (die letzten zwei Bände der zweiten Chroniken befinden sich in Vorbereitung); alle im Heyne Verlag, München, 1982-1984, zus. 2277 S. Ulrich Kaiser