Von Lutz Lesle

Ein schräg einfallender Farbenschauer auf pechschwarzem Grund, trotzig durchkreuzt von fünf leicht gegeneinander verschobenen, nadeiförmigen Geraden: diese Plakat-Idee zum 27. „Warschauer Herbst“ trifft als graphisches Kürzel genau die Antwort der polnischen Komponisten auf die triste Wirklichkeit, die sie einschnürt und bedrängt – im zweiten Jahr der neuen Zeitrechnung, die sich vom „Jaruzelski-Krieg“ herdatiert. Jetzt, da das täglich Brot wieder reicht, wächst der Hunger nach künstlichen Paradiesen, nach dem Trost des Musikalisch-Schönen: Überlebensstoff gegen Politparolen und stinkende Abgaswolken, Ausweiskontrollen und bajonettblitzende Militärparaden. Musik der Gegenwart schreckt die Polen nicht. Schrecken bereitet die Welt, in der sie leben müssen.

Keiner der polnischen Komponisten, die ich in diesem Herbst mit Stücken aus den Jahren 1983/84 hörte, übt sich im Gestus der großen Verweigerung. Jeder findet einen eigenen Ton des Trotzdem – und das macht ihn kulturpolitisch nutzbar. Krzysztof Meyer, der in seiner „Polnischen Symphonie“ ein Mahnmal nationaler Selbstbestimmung zu errichten glaubte, findet sich unversehens zum musikalischen Dekorateur der vierzigjährigen Volksrepublik erhoben: seine Symphonie wurde in diesem Jahr bereits dreimal im Fernsehen gesendet. Marek Stachowskis „Capriccio“, das den „Warschauer Herbst 1984“ eröffnete, ist nach eigenem Bekunden des Komponisten „programmatisch, aber universal genug, daß es keiner Beschreibung bedarf“. Wer weiß, daß Stachowski, Prorektor der Krakauer Musikakademie, als er das Stück schrieb, nachts aus dem Schlaf schreckte, der Polizeistiefel gewärtig – der wird den Versuch, in einem musikalischen Werk den Blick zu öffnen, Ordnendes gegen das Zerstörerische vorzutreiben, schwerlich als Huldigung an den Status quo mißdeuten. Doch Kunst, die nicht die Krallen zeigt, bleibt wehrlos dagegen, als Verblendmaterial mißbraucht zu werden.

Nervenzerfetzende Schreie, Wut, Verzweiflung und Aufbegehren wurden nur in Stücken westlichen Ursprungs laut: im „Narrenschiff“, das von Schweden herübergesegelt kam, um zu demonstrieren, daß die Menschheit auf dem Weg zum Paradies seit langem vom Kurs abgekommen ist („New Culture Quartet“, Stockholm), in den „Ancestral Rites of a Forgotten Culture“ des jungen Argentiniers Alejandro Iglesias Rossi, der die zerstörte Glaubenswelt der Quechua, südamerikanischer Indianer beschwört, oder im Musiktheaterstück „La testa d’Adriane“ des Kanadiers Murray Schafer, worin ein Akkordeon spielender Schaubudenbesitzer einer schaurigen Frau ohne Unterleib die Stimmbänder löst.

Trotz der (devisenarmen, aber zlotyreichen) Unterstützung, die das auf internationale Reputation bedachte Kulturministerium dem Festival vergönnt, bleiben die Schwierigkeiten, das herbstliche Schaufenster der zeitgenössischen Musik in Warschau auch mit westlichen Novitäten zu füllen, beträchtlich. Das Programmkomitee erfährt immer viel zu spät, wieviel Geld es ausgeben darf – renommierte Interpreten und Ensembles sind bekanntlich mindestens zwei Jahre im voraus „ausgebucht“. Würden nicht westeuropäische Fonds und Fördereinrichtungen wie die niederländische Stiftung Gaudeamus, die schwedischen „Rikskonserter“ oder der Deutsche Musikrat einspringen, indem sie beispielsweise die Fahrtkosten für einheimische Ensembles übernehmen, so wäre es um die westöstliche Internationalität des „Warschauer Herbstes“ schlecht bestellt.

Gerade die Öffnung nach Westen aber schafft das Reizklima des Festivals: Nahtstelle politisch zertrennter Kunstbeziehungen, Schauplatz einer kulturellen Osmose, wie sie sonst nirgendwo im Osten stattfindet. An ihrem Gelingen oder Mißlingen bemißt sich der Rang des Musikfestes.

Die allgemeine Isolierung, der sich die Polen gegenwärtig innerhalb des Ostblocks ausgesetzt sehen, gefährdet die Programmvielfalt zusätzlich. Für 1984 hatte man sich vorgenommen, die Höhle des Löwen zu umwerben: erstrangige Interpreten und Ensembles der Sowjetunion sollten neue Musik ihres Landes präsentieren. Doch sowohl die Georgische Philharmonie als auch das Moskauer Kammerorchester sagten ab, Gennadij Roshdestwenskij sollte und wollte Witold Lutoslawskis dritte Symphonie dirigieren. Er wurde den Polen gegenüber amtlicherseits für krank erklärt, obwohl er sich bester Gesundheit erfreut. Swjatloslaw Richters „Krankmeldung“ traf erst eine halbe Woche vor dem Konzerttermin in Warschau ein.